"Sehr abgefahren, sehr spacig, sehr cool"
Seite 4: "Sehr abgefahren, sehr spacig, sehr cool"
Garriott: Weltraumreisen sind nicht unbedingt die sicherste Freizeitbeschäftigung. Aber wenn ich schon fliegen muss, soll es mit der Sojus sein. Wenn man sich das Space Shuttle mit seinen zwei Unfällen [und 14 Toten, Anm. d. Red] bei um die 150 Starts anschaut – da stehen die Chancen nicht besonders gut.
Shuttleworth: Zu Beginn des Programms versagte die Sojus, aber dann gab es eine Erfolgsserie ĂĽber die letzten 30 FlĂĽge oder so.
Simonyi: Vier Menschen sind an Bord der Sojus gestorben. Aber in einem gewissen Sinn hat ihr Schicksal das Raumschiff sicherer gemacht.
Shuttleworth: Ich würde nicht sagen, dass das Sojus-Programm immer sicherer wird, nur weil sie über die letzten 20 Jahre eine makellose Bilanz haben. Aber ich wollte auch nicht, dass das letzte, was ich sage, wenn ich von einem Bus überfahren werde, ist: "Verdammt, ich hätte doch fliegen sollen!"
Olsen: Manchmal habe ich Dinge gesehen, die mir etwas simpel vorkamen. Sie haben nicht ein so hohes Budget wie die NASA, also müssen sie viele Sachen mit Genialität hinbekommen.
Shuttleworth: Neulich war ich bei der VorfĂĽhrung einer Hightech-Renn-Yacht mit Seiten und Boden aus Kohlefasern und haufenweise Elektronik. Jemand sagte: "Wow, das ist ja wie in einem Raumschiff!" Ich lachte und sagte: "Ein Raumschiff ist eine ganze Ecke einfacher als das hier."
Simonyi: In den James-Bond-Filmen gibt es Q, der all diese fantastischen Gerätschaften erfindet. In der Raumfahrt ist das überhaupt nicht so. Viele der Sachen in dem Raumschiff könnten von Jules Verne sein!
Garriott: Man kann sich die Original-Sojus-Kapsel anschauen und bekommt das Gefühl, dass seither während ihrer ganzen Geschichte das gleiche Design – und sogar die gleichen Gußformen – verwendet wurden. Was nicht kaputt ist, soll man nicht richten. Aber alles, was jemals Probleme gemacht hat oder kaputtgegangen ist, wird ausgetauscht. Das Gleiche passiert, wenn eine neue Technologie verfügbar wird, die erhebliche Vorteile bringt. Zum Beispiel hat die Sojus inzwischen ein Cockpit aus Glas.
Shuttleworth: Die NASA-Leute, die das Trainingsprogramm durchlaufen haben und so weit gekommen sind, dass sie als Techniker oder Commander mitfliegen können, haben die Sojus [dann] ohne Ausnahme geliebt. Sie haben plötzlich gemerkt, dass sie sich ohne Bodenkontrolle, haufenweise Daten und Spezialisten über Spezialisten fliegen lässt.
Simonyi: Am besten ist es, vor dem Start in der Sojus zu sein. Man fĂĽhlt sich so geborgen, so behaglich. Es gibt ein angenehmes leichtes Brummen. Es riecht wunderbar. Und man hat jede Menge Zeit. Ich glaube, es ist entscheidend, dass es keine Eile gibt. Es gibt keinen Druck. Die Russen haben diese beiden Worte: eins davon ist "normalna" und bedeutet "normal"; das andere lautet "spakoyna"und heiĂźt in etwa "locker" oder "ruhig". Das sind in dieser Zeit die wichtigsten Worte.
Simonyi: Man sitzt also da und sie sagen "Leute, noch etwa 30 Minuten, und es gibt für euch nichts zu tun. Wollt ihr etwas Musik hören?" Ich sagte "gerne", also spielten sie "Money, Money, Money" von Abba. Ich habe es zuerst gar nicht erkannt, die anderen Kosmonauten aber schon, und sie haben mich etwas aufgezogen. Wir hatten alle was zum Lachen.
Olsen: Was ich mir für Musik gewünscht hätte? Den Walkürenritt.
Simonyi: Man hat diese Checkliste in der Hand, die mit Word geschrieben und mit einem normalen Laserdrucker ausgedruckt wurde. Daran ist nichts Besonderes – nur eine Checkliste, die von drei Ringen zusammengehalten wird. Im Prinzip hört man sie auch über Funk. Der Commander macht nichts weiter, als die Anzeigen und Meldungen im Auge zu behalten – die Bodenkontrolle hat dieselben Informationen. Für die Crew gibt es nichts zu tun.
Garriott: Ich habe es mir im Stuhl gemütlich gemacht und ein bisschen geschlafen. In diesem 40-Minuten-Fenster passiert nichts. Man ist in einer Art Adrenalin-Schläfrigkeit. Dann ist das Funkgerät wieder zu hören – "Noch fünf Minuten bis zum Start" – und es ist wieder mehr los.
Olsen: Alles ist genau geregelt beim Start. Schritt 1, Schritt 2, Schritt 3. Sie folgen dieser Prozedur, Schritt fĂĽr Schritt.
Garriott: Vor dem Schub fĂĽhlt man, wie riesige Mengen FlĂĽssigkeit in Bewegung geraten. Ein paar Sekunden vor dem Abheben starten dann die Motoren, und auch das bekommt man zu spĂĽren. Wegen des Windes spĂĽrt man auch ein leichtes Schwanken. Und dann, genau pĂĽnktlich, erhebt sich die Sojus sehr sanft, aber entschlossen, von der Startrampe.
Olsen: Als ich spürte, wie die Rakete rumpelte, wurde ich so friedlich. Ich dachte: "Ja! Die nächsten zehn Tage gehören mir, und keiner kann mir das je nehmen."
Garriott: Man denkt: "Na schön, wenn alles glatt geht, wird es ein sanfter Flug nach oben. Wenn es schief geht, wird hoffentlich dieser Fluchtturm funktionieren. So oder so, Leben oder Tod, es dürfte ziemlich laut werden."
Shuttleworth: Es ist eine tiefgehende Erfahrung. Man erlebt Momente purer Angst, gemischt mit Momenten reiner Freude.