"Sehr abgefahren, sehr spacig, sehr cool"
Seite 10: "Sehr abgefahren, sehr spacig, sehr cool"
Shuttleworth: Die Sojus ist so gebaut, dass sie nur teilweise ausfällt, wenn irgendetwas kaputtgeht. Große Teile von Subsystemen können versagen und du kommst trotzdem noch nach Hause.
Simonyi: Der kritische Moment ist, wenn sich das Raumschiff in drei Segmente aufteilt und zwei davon dem VerglĂĽhen ĂĽberlassen werden.
Garriott: Zu der Aufteilung gehören drei Geräusche. Erst kommt eine Art "Popp", das noch Teil der Vorbereitung ist – Kabel oder Rohre werden herausgezogen. Dann kommt noch ein "Popp", wenn das Wohn-Modul abgetrennt wird. Du kannst fühlen, wie dich diese Kraft wirklich sauber und hübsch ein bisschen nach hinten schubst. Noch ein Popp und das Service-Modul ist ab. Man kann hören, ob alles gut gelaufen ist – popp, popp, popp.
Simonyi: Ich konnte sogar Teile des Raumschiffs am Fenster vorbeischweben sehen. Wir flogen mit 20- bis 22facher Schallgeschwindigkeit, in denkbar dĂĽnner Luft. Aber es reichte, um ein StĂĽck Isolation, das bei der Trennung abgerissen war, sozusagen neben uns herfliegen zu lassen. Es schlug im Wind mal nach links, mal nach rechts. Dann flog es gegen unsere Kapsel und dann irgendwohin.
Ansari: Es gab da dieses orange Leuchten, mit Funken und solchen Sachen. Ich sah aus dem Fenster und rief, "Oh Gott, es fĂĽhlt sich an, als wĂĽrde ich auf einer Sternschnuppe reiten!"
Simonyi: Es sieht aus wie ein Medikamentensaft – rosafarbenes, festes Plasma.
Garriott: Du fĂĽhlst sich etwa so, wie wenn Du im Inneren eines Hochofens sitzt.
Olsen: Plötzlich fängt alles an zu vibrieren, und du kannst die Verzögerung spüren. Du kommst auf etwa 4,5 g, und es wird schwierig zu atmen. Die Kapsel wird herumgeworfen. Es gibt keinen Funkkontakt. Man muss da einfach durch.
Simonyi: Es wurde dunkel, aber das lag nur daran, dass das Fenster verbrannte. Das Fenster besteht aus drei Scheiben, und die äußerste ist so ausgelegt, dass etwas davon wegbrennt.
Shuttleworth: Man liegt auf dem Rücken, wird herumgewirbelt, und man spürt, wie sich die Bremskraft aufbaut. Das ist sehr intensiv. Man muss sich einfach auf die Verzögerung konzentrieren.
Simonyi: Die Kräfte sind erheblich, aber viel leichter auszuhalten als die, mit denen Kampfjet-Piloten klarkommen müssen, weil sie durch eine andere Achse des Körpers gehen. Bei ihnen geht es nicht in Richtung der Füße, sondern quer durch den Körper, vor und zurück.
Garriott: Das nächste große Ereignis ist das Öffnen des Bremsfallschirms, das ein bisschen heftig sein kann. Wenn sich der Hauptschirm öffnet, fühlst du dich wie am Ende einer Peitsche, mit der jemand knallt. Irgendwelche Teile fliegen durch die Kapsel, viele kleine Projektile. Wir hatten alle unsere Raumanzüge an und die Helme geschlossen, also waren wir recht gut geschützt.
Simonyi: Die Geschwindigkeit direkt vor dem Aufprall beträgt noch zehn Meter pro Sekunde. Das ist etwa so, wie wenn man mit 40 Stundenkilometern gegen eine Mauer fährt.
Ansari: Ich dachte, dass es hart werden würde, aber ich hätte nie gedacht, dass es so hart wird. Der Aufprall war ein Schock. Du prallst so hart auf, dass dein Blut aufhört zu fließen. Es fühlte sich an, als würden tausend Nadeln durch meinen Rücken gestochen.
Olsen: Wir prallten nochmal ab, rollten ein bisschen, dann haben wir Funkkontakt aufgenommen. Uns wurde gesagt, dass wir auf das Bergungsteam warten sollen. Als nächstes hörte ich ein Hämmern gegen die Kapsel. Sie wollten uns mitteilen, dass sie da sind.
Shuttleworth: Man muss warten, bis die Kapsel abgekühlt ist. Wir waren etwas ungeduldig und haben schon mal unsere Visiere geöffnet.
Ansari: Beim Rückflug wird es ziemlich heiß in der Kapsel. Du schwitzt im Raumanzug, und die ganze Erfahrung nimmt dir etwas die Orientierung. Du bist nicht mehr an die Schwerkraft gewöhnt, fühlst sich schwer und kannst dich kaum bewegen.
Olsen: Sie haben einfach alle Gurte mit Messern zerschnitten, uns herausgezogen und uns in StĂĽhle gesetzt.
Garriott: Schon nach nur zehn Tagen im All ist man wirklich nicht mehr in der Lage, vernĂĽnftig aufzustehen.
Ansari: Es kam mir vor wie eine Wiedergeburt.
Olsen: Es war ein bisschen wie beim College-Abschluss. Du hast dieses wunderbare Gefühl, etwas geschafft zu haben. Ich war wirklich zufrieden mit mir, auf ruhige, sichere Weise, nicht egoistisch oder angeberisch – es war einfach ein Wow-Gefühl.
Simonyi: Da waren wir also in Kasachstan, nahmen den Hubschrauber zum Flughafen und dann ein Flugzeug zurĂĽck nach Star City. Ich habe an dem Abend nicht mal gebadet, ich bin einfach schlafen gegangen.
Olsen: Das erste, was ich gemacht habe, war duschen. Dann bin ich zurĂĽck nach Hause. Jetzt schaue ich manchmal hoch und denke: "Hey, da sind meine Freunde, schweben einfach da oben herum". Gottseidank habe ich nichts vermasselt. Wirklich, das war mein erster Gedanke nach der Landung.