Leicht bergauf im Sauseschritt

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Beeindruckend war die souveräne Kraftentfaltung des Bosch-Motors, gepaart mit der fast natürlichen Art, Tempo und Beschleunigung nur durch das Treten der Kurbel zu beeinflussen – neben Schaltung und Bremsen, versteht sich. Schon beim Anfahren registriert die Sensorik, dass der Fahrer mit Kraft in die Pedale tritt, und aktiviert entsprechend großzügige Motorleistungen. Das Raleigh Stoker B zeigte dabei eine Reaktionszeit von etwa einer halben Sekunde, die zwischen Beginn des Tretens und dem Einschalten des Motors verstreicht. In den beiden schnellen Modi (Sport/Speed) kommt beim Start fast der Eindruck auf, "das Ding geht mir durch ...".

Reduziert man den Kraftaufwand beim Treten etwas, steuert das System den Motor im Sinne einer gleichbleibenden Geschwindigkeit. Wird das Treten des Fahrers langsamer oder setzt ganz aus, stoppt der Motor sofort; das Fahrrad rollt ohne elektrischen Antrieb weiter. Gleiches gilt für den Fall, dass der Tacho mehr als 25 km/h anzeigt. Der Gesetzgeber hat vorgeschrieben, dass bei den Pedelecs der elektrische Antrieb nur bis zu dieser Geschwindigkeit mitarbeitet; wer schneller fahren will, muss selbst und allein für den nötigen Vortrieb sorgen.

In der Ebene verhielt sich der Antrieb unauffällig, auch wenn seine Wirkung kaum zu übersehen war. Mehrere Tage lang hatte strammer Gegenwind eine neue Aufgabenteilung zwischen den Radlern der Gruppe zur Folge: Der Fahrer mit Elektro-Antrieb sorgte als "Wasserträger" vorweg für willkommenen Windschatten. Die abgeforderte Leistung lieferte das Bosch-System stetig und unauffällig.

Ein Tour-Abschnitt durch hügelige Landschaften stellte unerwartete Anforderungen an die Technik: Das E-Bike wurde zum "Schlepper", der manchen Mitradler souverän die Steigungen hochzog. Allerdings erforderte es durchaus den gesteigerten Krafteinsatz des E-Radlers an der Tretkurbel, um dem Bosch-System den erhöhten Kraftaufwand abzuringen. Ohne Eigeninitiative geht es also auch beim E-Bike nicht.

So einfach und gradlinig Steuerung und Antrieb arbeiten, so auffallend – auf den zweiten Blick – sind manche Kinderkrankheiten, die das Bosch-System noch hat. Bestes Beispiel dafür ist das laute Krachen, das bei aktivem Elektromotor einen Gangwechsel der Kettenschaltung untermalt. Da der Antrieb den Schaltvorgang nicht erkennt, läuft die Motor-Unterstützung ungebremst weiter, während die Kette ihre Position auf den hinteren Ritzeln verändert. Das führt neben den markigen Geräuschen zu einer unnötigen Abnutzung von Kette und Zahnrädern. Dabei würde ein kleiner Reed-Kontakt im Schalthebel der Shimano-Schaltung ausreichen, um der Elektronik einen anstehenden Schaltvorgang zu signalisieren – und die könnte für einen kurzen Moment den Motor abschalten. Zwar wies Simon Praetze, der Rad-Experte bei e-motion Hannover, darauf hin, dass der Fahrer während eines Schaltvorganges das Treten kurz unterbrechen müsse, doch daran muss man sich wohl erst gewöhnen. In den zehn Tagen der Test-Tour gelang das nur unvollkommen.

Ein unfreiwilliger Ausflug auf eine Piste mit lockerem Sand offenbarte eine weitere Schwäche: Dem Bosch-System fehlt eine Möglichkeit, unterschiedliche Drehzahlen von Vorder- und Hinterrad zu erkennen (Schlupf-Detektion) und notfalls den Antrieb zu stoppen. Mangels solcher Technik schob der Elektromotor das Vorderrad ungestüm und ungebremst in den puder-feinen Sand, der Lenker schlug quer – ein Sturz war gerade noch zu vermeiden. Vielleicht sollten die E-Biker bei Bosch mal im Regal mit den ABS-Bausteinen stöbern ...