Im SLS AMG auf der Route der Carrera Panamericana
Seite 2: Im SLS AMG auf der Route der Carrera Panamericana
Geier-Sturzflug
Der siegreiche 300 SL mit Karl Kling und Hans Klenk raste über genau die gleichen Strecken, die wir heute mit dem SLS befahren. Wir können uns ungefähr vorstellen, welchen Gefahren die Piloten ausgesetzt waren: Hinter Kurven stehen damals wie heute zerzauste Esel auf der Fahrbahn herum oder Kühe, die so mager sind, dass sie aussehen, als hätte man ihnen die Haut ganz knapp über das Gerippe gespannt. Ab und zu wetzt auch ein sandfarbener Hund mit dickem Fell über die Straße. Und heiß ist es, wir fühlen über 30 Grad im Schatten. Kling und Klenk kamen damit gut zurecht – bis ihnen bei hohem Tempo ein Geier in die Windschutzscheibe knallte. Das Federvieh landete in Klenks Gesicht, verursachte aber nur ein paar Schürfwunden, die schnell zu verarztet werden konnten. Und obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass sich so ein Unfall wiederholen würde, eher gering war, wurden anschließend vertikale Schutzstäbe vor die Windschutzscheibe des 300 SL geschraubt. Dieser Knast-Look gab dem Wagen ein dramatisch cooles Aussehen.
15 Millionen US-Dollar
Den originalen Sieger-SL von 1952 hat Mercedes mit an die Strecke gebracht. Der Wagen gehört inzwischen Daimler-Benz und verbringt die meiste Zeit im Museum. Das Auto ist mit 15 Millionen US-Dollar versichert, auch wenn er womöglich auf einer Auktion nur einen deutlich geringeren Preis erzielen würde. Infolge der Versicherungsbedingungen dürfen wir das seltene Stück nicht selbst lenken – am Steuer sitzt Hans Wurl, der Verwalter der über 100 Fahrzeuge umfassenden Sammlung des Amerikaners. Wurl ist US-Bürger mit deutschen Vorfahren – spricht aber selber kein einziges Wort Deutsch. Er schont den 300 SL nicht: Knatternd und röhrend lässt er den Sechszylinder-Wagen losballern. 180 PS treffen auf weniger 900 Kilogramm Gewicht. In der Kabine riecht es leicht nach Benzin, es ist laut und die rechte Schulter der Beifahrers drückt gegen die Flügeltür. Im Stand wird die Hitze schnell unerträglich: Eine Klimaanlage gibt es nicht, und die Seitenscheiben lassen sich wegen des Gitterrahmens nicht herunterkurbeln. Nur kleine Plexiglas-Ausstellfenster sorgen für ein wenig frische Luft.
Solide und sicher
Hans Herrmann kann sich noch gut an den 300 SL erinnern. Der Wagen sei beliebt gewesen, weil er als äußerst solide und sehr sicher galt. Die Panamericana fand im Herbst statt, zu dieser Zeit war es auf der Strecke drückend heiß. Entsprechend war das Klima im Innenraum der Wagen. "Aber es hat richtig Spaß gemacht, die Panamericana war das größte Abenteuer der damaligen Zeit." Doch einige Stellen waren auch Herrmann nicht ganz geheuer. So galt ein Gebiet südlich von Oaxaca als Indio-Land. Die dort lebenden Indianer mochten die "Gringos" genannten US-Amerikaner nicht, angeblich verschwanden dort immer wieder Touristen. So war es den Fahrern verboten, in dieser Gegend Ersatzteil-Depots anzulegen. Ausgerechnet da bricht an Herrmanns Porsche 550 Spyder der Querlenker. Bloß raus aus dem Wagen: "In der Regel brannten die Fahrzeuge nach einem Unfall", erzählt uns Herrmann. Die Indianer kommen und sehen Herrmanns Sponsoring von Telefunken – damals eine Weltmarke für Rundfunkgeräte made in Germany. Herrmann erwähnt schnell, dass er Deutscher ist und die örtliche Bevölkerung ist freundlich zu ihm. Als er zwei Tage später sein Auto zurückbekommt, ist es komplett erhalten. Die Amis bekamen ihre Fahrzeuge hingegen vollkommen ausgeschlachtet zurück.