Der perfekte Kraftstoff

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GTL-Diesel hat aber einen gravierenden Nachteil: Selbst in reinster Form bringt er für die klimarelevante Kohlendioxid-Bilanz keine Erleichterung, da er aus der fossilen Quelle Erdgas stammt, so genanntem „stranded gas“, das bei der Erdölförderung bislang abgefackelt wurde. Trotzdem eröffnen sich mit GTL die spannendsten Perspektiven der gegenwärtigen Treibstoff-Entwicklung.

Auch aus Biomasse herstellbar

Erstens, weil synthetische Kraftstoffe wie GTL ebenso aus Biomasse erzeugt werden können (BTL, Biomass-to-liquid) – mit überzeugender CO2-Bilanz, mit wesentlich größerer Effizienz, als wir das bisher kennen. Sie können auch aus Kohle (CTL, Coal-to-liquid) gewonnen werden, für den Klimahaushalt der Erde kein wünschenswertes, weil CO2-intensives, für Länder wie China mit reichen Kohleressourcen jedoch ein nahe liegendes Szenario.

Für moderne Motoren gestaltbar

Zweitens, weil synthetische Kraftstoffe in ihrer chemischen Zusammensetzung und Struktur gestaltbar sind und damit zu einem konstruktiven Merkmal zukünftiger Antriebskonzepte werden wie variable Ventilsteuerungen oder Hochdruckein- spritzsysteme. Wenn heute an Motoren geforscht wird, welche die Eigenschaften des Diesels (= sparsam) mit jenen des Benziners (= sauber) verknüpfen sollen, braucht man entsprechende Kraftstoffe, die Eigenschaften beider Treibstoffqualitäten vereinen, was Gemischbildung und Zündfähigkeit betrifft.

Schnellere Verbreitung

Drittens, weil synthetische Kraftstoffe nahtlos in die üblichen Versorgungskanäle eingegliedert werden können, ein entscheidendes Kriterium für den Erfolg neuer Technologien. Alles, was neue Infrastrukturen braucht, siehe Erdgas-Tankstellen, wird allein durch die Macht des Faktischen gebremst und durch die natürliche Scheu der betroffenen Konzerne, hohe Investitionskosten zu tragen. Viertens schließlich, weil synthetische Kraftstoffe sofort wirken. Im Unterschied zu Partikelfilter und neuen Verbrennungsverfahren erzielen Treibstoffe, die weniger Schadstoffe und weniger Verbrauch produzieren, wesentlich schneller eine wesentlich größere Breitenwirkung.

Probelauf für den Großeinsatz

Das Dreifache an Flächenertrag im Vergleich zu Biodiesel – 4000 Liter BTL-Diesel pro Hektar – will das Freiberger Unternehmen Choren Industries erreichen, indem es nicht nur Rapssamen, sondern die gesamte verfügbare Biomasse nutzt und eine zur GTL-Produktion vergleichbare Technologie. Für die Umsetzung sicherte sich Choren Mitte 2005 einen großen Partner mit Minderheitsbeteiligung: Shell. Eine Versuchsanlage ist bereits in Betrieb, Ende 2007 soll die erste größere BTL-Produktionsstätte mit einer Kapazität von 13000 Tonnen pro Jahr eröffnet, als Probelauf für den – dezentralen – Großeinsatz.

Mangelnde Unterstützung durch Politik

„Geplant sind mehrere Anlagen mit einer jährlichen Kapazität von jeweils 200.000 Tonnen, 2007 wollen wir die Investitionsentscheidung treffen“, skizziert Unternehmenssprecher Matthias Rudloff die weitere Strategie, nicht ohne die mangelnde Unterstützung von der Politik zu erwähnen. Denn die größte Schwierigkeit sei nicht die technische Machbarkeit, sondern „das Geld aufzustellen“. In Bezug auf das richtige Material ist Rudloff nicht wählerisch, „solange es billig und trocken ist. Es kann Stroh sein, schnell wachsende Hölzer wie Weiden und Pappeln, es gibt auch interessante Getreidearten, die nicht zur Nahrungsproduktion geeignet sind.“ Die im Bau befindliche Anlage ist auf autarken Betrieb ausgelegt, das heißt: Was für den Prozess benötigt wird – Strom, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff – wird direkt aus der Biomasse bezogen.

87 Prozent weniger Treibhausgas

Die CO2-Bilanz fällt laut einer von DaimlerChrysler und Volkswagen in Auftrag gegebenen Studie gut aus: Bei überschaubaren Transportwegen und rund 45 Prozent Wirkungsgrad beträgt das Treibhausgas-Einsparpotenzial im Vergleich zu herkömmlichem Diesel 87 Prozent. Ansonsten gleicht der BTL- weit gehend dem GTL-Diesel, erzeugt weniger lokale Schadstoffe und ist leicht in die herkömmlichen Kraftstoffflüsse einzugliedern, in reiner Form ebenso wie als Beigabe.