Drei-Eltern-Technik könnte Babys mit erhöhtem Krankheitsrisiko hervorbringen

Seite 2: Schwieriger Transfer der Kern-DNA

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Natürlich haben auch andere Teams versucht, herauszufinden, ob die Behandlung bei Unfruchtbarkeit funktioniert. Darunter auch der Reproduktionsbiologe Dagan Wells von der Universität Oxford. Er will außerdem überprüfen, wie sicher das Verfahren ist. Seine Ergebnisse aus Zellkulturversuchen im Labor und an Affen deuten darauf hin, dass die MRT möglicherweise nicht immer mitochondriale Krankheiten verhindern kann. Sollte dies auch bei Menschen der Fall sein, könnte es schwerwiegende Folgen haben.

Bei der Entnahme und Übertragung der Kern-DNA ist es schwierig, keinerlei mütterliches Zytoplasma – inklusive der Mitochondrien und deren DNA – mitzutransferieren. Embryologen ist es gelungen, diese Verschleppung auf weniger als ein Prozent der gesamten mtDNA des Embryos zu begrenzen. "Normalerweise sollte dieses eine Prozent kein Grund zur Sorge sein, denn die anderen 99 Prozent sind gesund", sagt der Embryobiologe Shoukhrat Mitalipov von der Oregon Health & Science University, der mit Wells zusammenarbeitet.

Forschungen von Mitalipov und anderen haben jedoch gezeigt, dass aus weniger als einem Prozent im Laufe der Zeit deutlich mehr werden kann. Dieses Phänomen meinen die Wissenschaftler mit Reversion. Wird der Prozentsatz der fehlerhaften mtDNA zu hoch, könnte das Kind erkranken.

Um herauszufinden, ob dies auch bei Menschen der Fall sein könnte, führten Wells, Mitalipov und ihre Kollegen die MRT bei 25 heterosexuellen Paaren mit cisgender Partnern durch. Sie alle hatten zwischen drei und elf gescheiterte künstliche Befruchtungszyklen hinter sich (IVF, in-vitro Fertilisation). Bei allen Frauen war Unfruchtbarkeit diagnostiziert worden, und keine war jemals schwanger.

Da die MRT in den USA verboten ist und die Klinik in Newcastle die einzige Klinik ist, die im Vereinigten Königreich dafür zugelassen ist, wurden die Behandlungen in einer griechischen Klinik durchgeführt. Zunächst unterzogen sich die Frauen einem Standard-IVF-Verfahren, bei dem die Ärzte viele Eizellen entnahmen. Die Kern-DNA dieser Eizellen wurde dann entfernt und in Eizellen einer fruchtbaren Spenderin eingesetzt, deren eigene Kerne bereits entfernt worden waren. Die so entstandenen Eizellen wurden dann mit den Spermien des männlichen Partners befruchtet.

Das Team verwendete insgesamt 122 mütterliche Eizellen und 122 Spendereizellen und erzeugte 85 Embryonen mit Spender-mtDNA. Sobald sich diese zu entwickeln begannen, entnahmen die Wissenschaftler ihnen einige Zellen, um ihre mitochondriale DNA zu untersuchen. Bei allen Embryonen stammte die überwiegende Mehrheit der mtDNA von der Spenderin und weniger als ein Prozent von der unfruchtbaren Frau. Von vierundzwanzig gesund aussehenden Embryonen wurden 19 in die Gebärmutter der Frauen übertragen. Es kam zu sieben Schwangerschaften. Eine Frau erlitt nach neun Wochen eine Fehlgeburt, aber bei den anderen sechs Schwangerschaften wurden 2019 und 2020 gesunde Babys geboren.

Die Forschenden setzten die Prüfung des mitochondrialen DNA-Anteils auch nach der Geburt fort und untersuchte DNA-Proben aus Abstrichen von den Wangen der Babys sowie aus ihrem Urin, der Nabelschnurblut und anderen Blutproben. Bei fünf der Babys ist der Anteil der mtDNA ihrer Mutter mit weniger als einem Prozent niedrig geblieben. Doch bei einem der Kinder ist etwas Seltsames passiert. Nach der Geburt betrug der mütterliche mtDNA-Anteil zwischen 30 und 60 Prozent. "Das ist fast 50:50, ein enormer Unterschied", sagt Wells. Die Ergebnisse wurden im Februar in der Fachzeitschrift Fertility and Sterility veröffentlicht.

"Wir hatten gehofft, dass wir bei den Babys keine Reversion sehen würden", sagt Mitalipov. "Jetzt haben wir Daten, die zeigen, dass dies doch der Fall ist – also nicht nur bei Affen, sondern auch bei Menschen." Laut Matthew Prior, dem Abteilungsleiter des Fruchtbarkeitszentrums in Newcastle hat sein Team bei keinem der nach einer MRT geborenen Babys eine Reversion festgestellt. Allerdings wollte er auch nicht bestätigen, ob dort überhaupt MRT-Babys geboren wurden.

Neben diesem ersten veröffentlichten Artikel berichtete Pavlo Mazur, der damals als Embryologe an der Nadiya-Klinik in Kiew arbeitete, 2020 auf einer Online-Konferenz von einem kleinen Jungen, der ebenfalls eine Reversion gezeigt hatte. Das Baby war eines von zehn, die im Rahmen eines Pilotversuchs mit MRT zur Behandlung von Unfruchtbarkeit geboren wurden, so Mazur.

Das 2019 geborene Baby war das zweite Kind einer Frau, die sich bereits zweimal einer MRT unterzogen hatte. Ihr erstes Kind, ein 2017 geborenes Mädchen, wies laut Mazur keine Reversion auf. ihr Anteil an mtDNA von der Mutter blieb weniger als ein Prozent. Aber obwohl dasselbe Team Eizellen derselben Frau verwendete und dasselbe Verfahren in derselben Klinik durchführte, wurde ihr kleiner Bruder mit rund 72 Prozent an mtDNA von seiner Mutter geboren.