Notfall-Robotik: Wenn die Brennelemente im Kernreaktor zerbrechen, schlägt die Stunde der Roboter

Seite 4: Roboter-Teams und autonome Roboter

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heise online: Dient diese Kooperation nicht auch dazu, den Funkkontakt aufrecht zu erhalten?

Gustmann: Ja, wir werden auch bei diesem Wettbewerb in Zwentendorf sehen, dass der Trend eindeutig zu Kommunikationsnetzwerken geht. Vom Leitstand aus werden auf dem gesamten Fahrweg bis hin zur Einsatzstelle Relaisknoten ausgesetzt, um permanente Kommunikation zwischen dem Leitstand und dem Roboter zu ermöglichen und über dieses Netztwerk auch mehrere Roboter agieren zu lassen. Ich bin sehr gespannt, wie sich im Lauf der Woche bei den Teilnehmern vielleicht der Einsatz mehrerer Roboterfahrzeuge zeigen wird.

Roboter durchsuchen das "sicherste Atomkraftwerk der Welt" (7 Bilder)

Das AKW Zwentendorf fällt relativ klein aus, weil keine Kühltürme gebaut wurden. Zur Kühlung sollten pro Sekunde 30 Kubikmeter aus der nahe vorbei fließenden Donau entnommen werden. Im Unterschied zur Kraftwerksruine in Kalkar erzeugt Zwentendorf tatsächlich Strom, allerdings mit Solarzellen, nicht mit Uran — und auch etwas weniger als die ursprünglich angestrebten 692 Megawatt. (Bild: Hans-Arthur Marsiske)


heise online: Wie haben Sie das Szenario für den Wettbewerb entwickelt? Mir fällt auf, dass die Überwindung von Treppen, die in Fukushima anfangs ein großes Problem darstellte, offenbar keine Rolle spielt.

Gustmann: Für diese erste Veranstaltung in einem realen Kernkraftwerk können wir noch nicht von einem sehr anspruchsvollen Unfallszenario sprechen. Wir wollten zunächst einmal anfangen, die Teams mit dem Vorhandensein wirklicher radioaktiver Quellen zu konfrontieren, sodass sich alles auf dem Beckenflur auf der Ebene 39,4 Meter hier im Kraftwerk abspielt. Der Zugang zu der Ebene ist aber durchaus nach einem Störfall realistisch, insofern wir davon ausgehen, dass ein ferngesteuerter Kran noch zur Verfügung steht, um ohne Gefährdung von Personen diese Ebene zu erreichen. Ein Teil der Aufgabe besteht darin, dass die dort ankommenden Systeme auch ohne menschliche Hilfe ihre Arbeit aus der Krangondel heraus starten, sich auf dem Arbeitsflur bewegen und die gestellten Aufgaben in Angriff nehmen.

heise online: HeiĂźt das, die Roboter sollen autonom agieren?

Gustmann: Ich denke, dass wir hier einige Funktionen sehen werden, die der Bedienerunterstützung dienen. Ob man dafür den Begriff Autonomie verwenden sollte, werden wir im Lauf des Wettbewerbs sehen. Ich denke, es geht in erster Linie darum, den Bediener von monotonen Tätigkeiten zu entlasten und ihm vielleicht auch mehr Präzision zu ermöglichen. Ich bin gespannt.

heise online: Es ist aber kein spezieller Fokus des Wettbewerbs?

Gustmann: Im Prinzip ist das ja kein Wettbewerb, sondern die Teams sind frei, ihren eigenen Fokus zu setzen. Deswegen wird es für uns als Beobachter auch interessant zu sehen, wie viel die einzelnen Teams probieren und wie sehr sie daran arbeiten, verlässliche Fernsteuerungsstrecken zur Verfügung zu haben.

heise online: Wie sieht die Zukunft der KHG aus, wenn in Deutschland die Kernkraftwerke nach und nach abgeschaltet werden?

Gustmann: Die Verpflichtung unserer jetzigen Hauptfinanziers, nämlich der großen Energieversorgungsunternehmen in Deutschland, wird mit dem Abschalten und der Brennstofffreiheit der Kernkraftwerke entfallen. Etwa ab 2025 werden die vier großen Energieversorger in Deutschland nicht mehr die Hauptfinanzierung der KHG bewerkstelligen.

Wir haben ja eine Entscheidung innerhalb Deutschlands, dass die Zuständigkeit für alle Brennelemente, die zugehörigen oberirdischen Zwischenlagerstätten und das Endlager in der Verantwortung des Bundes liegt. Wir sagen immer etwas flapsig, die Radioaktivität verschwindet nicht mit dem Abschalten der Kernkraftwerke. Insofern hat vielleicht auch der Bund als Betreiber der Lagerstätten ein Anliegen, die Kompetenz der KHG zu erhalten – was wir natürlich hoffen. Wir sind gesprächsbereit, unter welchen veränderten Bedingungen es vielleicht eine Perspektive über 2025 hinaus geben kann.

heise online: Ăśber welchen Jahresetat reden wir da?

Gustmann: Die KHG ist von Beginn an seit ihrer Gründung in den 1970er-Jahren sparsam aufgestellt. Es gibt eine Stammbelegschaft von 22 Mitarbeitern sowie weitere 140 Personen, die eigentlich in kerntechnischen Anlagen arbeiten und bei uns regelmäßig trainiert werden für die Unterstützung in Einsatzfällen. Die Investitionen werden auch relativ sparsam gestaltet. Die Lebensdauer der Geräte bei der KHG ist sehr hoch, sodass wir ein Jahresbudget von vier bis fünf Millionen Euro brauchen. (kbe)