Notfall-Robotik: Wenn die Brennelemente im Kernreaktor zerbrechen, schlägt die Stunde der Roboter

Seite 3: Strahlungsresistenz von Robotern

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heise online: Mehr als sechs Jahre später geht es nicht mehr darum, die Katastrophe zu begrenzen, sondern ein umfassendes Bild von den Schäden zu gewinnen und den Rückbau vorzubereiten. Sie haben die Entwicklung sicherlich aufmerksam verfolgt. Können Sie uns ein Bild vom gegenwärtigen Stand des Robotereinsatzes in Fukushima vermitteln?

Gustmann: An der Universität Tokio gibt es unter Professor Asama einen Bereich, der sich sehr intensiv mit dieser Frage beschäftigt und sicherlich genauer beschreiben könnte, welche Geräte mit welchem Erfolg in welchen Bereichen bisher eingesetzt worden sind. Es geht dabei insbesondere auch um den zukünftigen Bedarf, um den weiteren Rückbau der verunfallten Anlagen mit starker Unterstützung durch Fernhantierungstechnik zu bewerkstelligen. Wenn ich jetzt versuchen wollte, aus diesen umfangreichen japanischen Arbeiten zu zitieren, könnte das nur sehr lückenhaft ausfallen.

heise online: Mein Eindruck ist, dass in den ersten Monaten nach der Katastrophe die fehlende Strahlungsresistenz der Roboter nicht im Vordergrund stand, während inzwischen häufiger über Ausfälle durch Strahlungsschäden berichtet wird.

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Gustmann: Die Frage ist, wie lange muss sich das jeweilige Robotersystem an dem jeweiligen Ort für die Durchführung der Arbeiten aufhalten. Bei einer reinen Inspektionsaufgabe können Sie sich relativ schnell bewegen, sofern der Fahrweg das zulässt, und können Bereiche hoher Dosisleistung auch schnell wieder verlassen, sobald Sie Fotos aufgenommen und die radiologischen Werte erfasst haben. Wenn aber an diesen Orten Arbeiten durchgeführt werden sollen, ist die Verweilzeit natürlich sehr viel höher und damit auch die insgesamt auf dem System auflaufende Dosis. Dafür sind strahlentolerante Systeme unbedingt erforderlich.

heise online: Den einen Roboter für alle Aufgaben gibt es ja nicht. Sie brauchen ebenso schweres Gerät, um große Brocken wegzuräumen, wie kleine Roboter, die sich durch enge Öffnungen bewegen können. Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?

Die Folgen des Tsunami, der auch zur AKW-Katastrophe in Fukushima fĂĽhrte (9 Bilder)

Zerstörte Ortschaft

Luftaufnahme aus Sukuiso, eine Woche nach dem Tsunami (Bild: NOAA/NGDC, Dylan McCord, U.S. Navy)

Gustmann: Das sind genau die Erfahrungen, die für uns aus dem Fukushima-Einsatz abgeleitet worden sind. Die verfügbaren Berichte aus Japan zeigen sehr deutlich auf, dass man eine ganze Familie von verschieden großen Robotersystemen braucht. Manchmal kriechende Systeme, die sehr enge Geometrien erkunden und dort die Informationsaufnahme durchführen können, manchmal aber auch sehr starke, hydraulische Systeme, die mehrere Tonnen schwere Lasten aus dem Weg räumen können. Dem tragen wir bei der KHG seit Jahren Rechnung mit einer Roboterfamilie vom kleinen, kabelgebundenen Rohrkrabbler bis hin zur 23 Tonnen schweren ferngesteuerten Laderaupe.

Die zweite sehr wichtige Aussage aus dem Einsatz in Japan ist, dass es eine sehr wertvolle Hilfe sein kann, wenn zwei Robotersysteme zusammen arbeiten. Bei der Überwindung von Treppen zum Beispiel ist es hilfreich, wenn ein zweites Fahrzeug ein Videobild von dem Fahrzeug auf der Treppe übermitteln kann. Auch bei der Öffnung von Türen oder der Überwindung anderer Hindernisse können sich zwei Systeme auf diese Weise sehr gut ergänzen. In unseren Trainingskursen läuft das unter der Überschrift "Kooperierendes Arbeiten mehrerer Manipulatorfahrzeuge", gerade auch mit unterschiedlich großen Systemen, um die Fähigkeiten sich ergänzen zu lassen.