Missing Link: Der Open-Source-Motor fĂĽr grĂĽne Technologien
Seite 3: Digitale Kreislaufwirtschaft
Der japanische Automobilhersteller Toyota will sich im Kampf um die Antriebstechnik der Zukunft besser positionieren. Einerseits dominiert Toyota zu 80 Prozent den weltweiten Hybrid-Fahrzeugmarkt; die Patente für die Kombination von Elektro- und Verbrennungsmotoren gehörten zu seinen wichtigsten Aktivposten. Doch diese Marktposition droht verloren zu gehen, wenn viele Hersteller auf vollständig batteriegetriebene Fahrzeuge setzen. Sie punkten dann nämlich im Vergleich zu den Hybrid-Fahrzeugen mit deutlich besseren CO2- und Abgaswerten.
Toyota gab kürzlich rund 23.740 Patente aus über 20 Jahren Hybridtechnik-Entwicklung zur gebührenfreien Nutzung frei. Zu dem freigegebenen Patente-Pool gehören 2.590 Patente zu Elektromotoren, 2.020 Patente zu Steuergeräten, 7.550 Patente zu Systemsteuerungen, 1.320 Patente im Bereich Motor/Getriebe, 2.200 Patente zu Ladegeräten sowie 2.380 Brennstoffzellen-Patente. Sie kommen etwa in Hybrid-, Plug-in-Hybrid- und Brennstoffzellenfahrzeugen zum Einsatz. Die Freigabe gilt ab sofort bis Ende des Jahres 2030.
Stefan Bratzel, Leiter des Mobilitätsinstituts Center of Automotive Management (CAM) glaubt, dass Toyota mit der Patent-Freigabe generell die Zahl der Hybridfahrzeuge vergrößern kann: "Wenn dann die Kommunen Fahrverbote für Nicht-Elektrofahrzeuge aussprechen, werden die Regulierer die Hybridfahrzeuge nicht schlechter stellen." Außerdem kann Toyota mit Support und Beratung noch eine Weile lang Geld verdienen, wenn auch die Konkurrenz auf seine Hybrid-Technik setzt.
Freie Patente
Auch bei der Entwicklung und dem Verkauf elektrifizierter Fahrzeuge will der Autobauer andere Hersteller nach der Offenlegung – kostenpflichtig – unterstützen, wenn sie Motoren, Batterien, Steuergeräte und andere Komponenten von Toyota für ihre eigenen Antriebe nutzen. Suzuki und Mazda haben bereits entsprechende Pläne bekanntgegeben. Mit dem chinesischen Volvo-Eigner Geely laufen bereits Verhandlungen.
(Bild:Â fuyu liu / shutterstock.com)
Vor allem das Kostenargument könnte hier zählen, erklärt Stefan Bratzel: "Toyota kann auf eine jahrelange Erfahrung zurückblicken und damit anderen helfen, die Technik nicht nur zu beherrschen, sondern auch zu vergleichbaren Kosten verfügbar zu machen." Das werde das Thema Hybrid insgesamt weiter voranbringen. Vor allem der chinesische Markt ist für die Japaner wichtig, da die Elektrifizierung von Fahrzeugen dort von der Regierung stark vorangetrieben wird. Mit ihrer Freigabestrategie könnten sie dort dauerhaft Fuß fassen. Damit könnte die Patentfreigabe dem Verbraucher erschwingliche Hybridfahrzeuge bringen und für eine schnellere Ablösung vom reinen Verbrenner sorgen.
Mit ähnlicher Stoßrichtung, doch vergleichsweise wenig strukturiert, forderte Tesla-Gründer Elon Musk in einer Art PR-Stunt mit Verweis auf die Klimakrise die Automobilhersteller auf, die Tesla-Patente für die Entwicklung von Elektrofahrzeugen zu nutzen. Bereits 2014 hat Tesla alle seine Patente freigegeben. Damit will der Autobauer über die Diffusion seiner Technik aus der Außenseiterposition kommen.
E-Fahrzeug-Programme seien bei den größeren Herstellern "klein bis nicht-existent", meint Musk, und machten weniger als ein Prozent ihres Gesamtumsatzes aus. Musk versichert, von der Patent-Entscheidung auch nicht mehr abrücken zu wollen: "Wenn wir erst den Weg für die Entwicklung toller E-Fahrzeuge freiräumen, ihn dann aber wieder mit Landminen geistigen Eigentums zupflastern, um andere zu behindern, würden wir ja gegen unsere Zielsetzung handeln."
Nachhaltiger Konsum
Der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) weist darauf hin, dass digitale Techniken den Verbrauchern dabei helfen, ihren Konsum nachhaltiger zu gestalten. Etwa, indem sie eine ressourcenschonende Nutzung und das Wiederverwenden, Reparieren und Teilen von Waren ermöglichen. Darüber hinaus könnten erweiterte Gewährleistungspflichten des Herstellers oder Händlers nachhaltige Kauf- und Nutzungsentscheidungen verstärken.
Auf freiwilliger Basis bietet das nicht nur das bekannte niederländische Unternehmen Fairphone mit seinem 3er Modell, sondern auch die Firma Shift aus Hessen für ihre modular gebauten Shiftphones an: Die Gewährleistung verfällt bei Shift nicht, wenn Nutzer ihr Gerät aufschrauben. Auf die Geräte wird ein Pfand von 22 Euro erhoben, Einzelteile wie Kamera, Display, Akku und Speicher lassen sich wie bei Fairphone vom Kunden austauschen. Das Recht auf Reparatur, inklusive weitreichender Offenlegungspflichten der zur Reparatur benötigten Informationen für Drittanbieter hält der WBGU für die nachhaltige Nutzung eines Produkts für wichtig. Er empfiehlt deshalb, die Entwicklung und Verbreitung digitaler Werkzeuge wie etwa Plattformen für die ressourcenschonende gemeinschaftliche Nutzung, das Wiederverwenden und Reparieren, Teilen und Tauschen von Produkten und die damit zusammenhängenden Vernetzungen zu fördern. Damit ließen sich Konsumpraktiken und soziale Innovationen zur Umsetzung der Kreislaufwirtschaft beziehungsweise der 3R-Strategie "reduce, reuse, recycle" etablieren.
Der Umweltrat der Bundesregierung (WBGU) sieht weiteres Potenzial: Digitale Technologien könnten seiner Ansicht nach neue, kollektiv organisierte und gemeinwohlorientierte Wirtschaftsformen ermöglichen. Dazu zählen neue Unternehmensformen wie Plattform-Kooperativen zur Software-Erstellung wie auch grüne digitale Start-Ups mit neuen Geschäftsmodellen.
Katalysator
Offenlegungsstrategien wie sie aus der Open-Source- und Open-Content-Community bekannt sind, könnten laut der Nachhaltigkeitsforscher Santarius und Lange als Katalysator für eine nachhaltige Entwicklung fungieren. Mit ihnen lassen sich neue Weichen stellen, indem sie soziale, politische und wirtschaftliche Entscheidungen hin zu mehr Nachhaltigkeit beschleunigen. Würde das Open-Source-Prinzip flächendeckend angewandt werden,so die These von Santarius und Lange, würde das viele Bereiche der mit Digitalisierung verbundenen Geschäftsfelder fundamental verändern und die Gemeinwohlorientierung fördern.
So verschieden die Beispiele sind, eines haben sie gemeinsam: Sie setzen darauf, dass Unternehmen und Organisationen über die Masse der Nutzer rasch einen kritischen Druck aufbauen. Sind Messdaten und Datenmodelle transparent und verfügbar, können sie von Dritten überprüft und validiert werden. Je mehr Leute sich damit beschäftigen, desto mehr Möglichkeiten gibt es zu Verbesserungen und Weiterentwicklungen. Das wiederum erhöht die Akzeptanz der Nutzer und sorgt für die weitere Verbreitung.
Ähnlich ist das auch mit Patenten technischer Erfindungen: Je mehr Ingenieure sich mit der Umsetzung der Ideen und Konzepte befassen, desto eher fassen diese in der Praxis Fuß. Insofern können Unternehmen von der Preisgabe ihrer Geschäftsgeheimnisse am Ende sogar profitieren.
Ob sich die hohen Erwartungen der "Open-Source-Pioniere" erfüllen, wird sich zeigen. Zumindest haben sie sich mit ihren jeweiligen Offenlegungsstrategien in ein spannendes Praxisexperiment in Sachen sozial-ökonomische Transformation begeben. (sha) / (jk)