Missing Link: Der Open-Source-Motor fĂĽr grĂĽne Technologien

Seite 2: Freies Klimametrik-Modell

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Auf einer ökonomischen Lenkungsebene setzt das Frankfurter Startup right. based on science an. Es will mit der Offenlegung des Quellcodes seines Modells für die Klimakennzahl "X-Degree Compatibility" (XDC) mehr Transparenz schaffen. Die Zahl drückt aus, um wie viel Grad Celsius sich die Erde bis 2050 erwärmen würde, wenn alle Unternehmen so emissionsintensiv wirtschaften würden wie das jeweils untersuchte.

IT- und Telekommunikationsunternehmen schneiden dabei gut ab: Apple etwa kommt auf etwa 1,5 Grad Celsius, die Deutsche Telekom auf etwa 1,6 Grad Celsius. Hingegen kommt der italienische Energiekonzern Enel S.p.A., der auch noch Kohlekraftwerke betreibt, auf den stolzen Wert von etwa 6,1 Grad Celsius. Die Werte entsprechen dem Modell “Standard XDC 2016” mit stark vereinfachten Annahmen unter einem Business-As-Usual-Szenario.

Unternehmen sollen nach dem Pariser Klima-Abkommen ihr Klimamanagement auf einen Kurs möglichst unter 2°C Grad setzen. Daher ist es nützlich, wenn sie nicht nur für das gesamte Unternehmen, sondern auch für einzelne Projekte eine Aussage treffen können. Gesucht sind möglichst aussagekräftige wissenschaftsbasierte Klimametriken und Analysen. Der CO2- Fußabdruck etwa sagt etwas über die vergangenen Emissionen eines Unternehmens aus. Aber wie kann die künftige Entwicklung analysiert und in eine Kennzahl gefasst werden?

Das XDC-Modell generiert Informationen über klimarelevante Chancen und Risiken, die etwa die Berichterstattungspflicht des § 289c HGB für wesentliche Risiken bei Umweltbelangen erfüllen. Zu seinen deutschen Anwendern gehören beispielsweise Zalando, die Fondsmanager von Salm & Salm Partner sowie die GLS Bank. Prof. Timo Busch, der an der Universität Hamburg zu Nachhaltigkeit in Industrieunternehmen forscht, hält den Ansatz für "sehr vielversprechend".

(Bild: NASA images / Shutterstock.com)

Der in Python geschriebene Quellcode des XDC-Modells wurde im Sommer im Rahmen des Projekts "right.open" unter eine Open-Source-Lizenz gestellt. "Wir müssen schnell, präzise und kollaborativ arbeiten", betont Gründerin Hannah Helmke. Die jüngsten Ergebnisse des Sonderberichts 1,5°C globale Erwärmung (SR1.5) des Weltklimarats hätten zu dem Schritt motiviert. Demnach müssen bis 2030 45 Prozent der CO2-Emissionen reduziert sein, um die globale Erderwärmung noch zu begrenzen.

"Derzeit prüfen wir die GNU Affero General Public License (AGPL) und die GNU General Public License (GPL) für die wissenschaftliche Nutzung", sagt Helmke. Die GPL verpflichtet den Nutzer, den eigenen Quellcode offen zu legen, sobald Binärdateien verteilt werden. Die AGPL geht noch einen Schritt weiter und verpflichtet dazu, den Quellcode selbst dann zur Verfügung zu stellen, wenn er auf einem mit dem Netzwerk verbundenen Server als Software-as-a-Service (SaaS) oder als Application Service Provider (ASP) verwendet wird.

Mit der Öffnung des Modells soll nicht nur mehr Transparenz geschaffen, sondern es soll auch für alle verfügbar gemacht werden. Damit bewegt sich das Startup weg vom Beratungsgeschäft – in der Überzeugung, dass es mit dem Schritt einen Standard für das Messen des Beitrages einer wirtschaftlichen Einheit zum Klimawandel setzen kann.

Unternehmensberater Ari Pankiewicz hält die Open-Source-Strategie für den richtigen Ansatz, da die Transparenz weithin noch fehle, die eine einheitliche und von der Community akzeptierte Methode bräuchte. Die Offenlegung ermögliche es, das XDL-Modell in der Community weiterzuentwickeln und eine gewisse Sicherheit zu schaffen, dass Modellierungsergebnisse und die damit verbundenen Unsicherheiten hinreichend abgedeckt sind.

Der Quellcode des XDC-Modells wird seit Mitte 2019 bereits Lehrstuhlinhabern, deren wissenschaftlichen Mitarbeitern und Absolventen zur Verfügung gestellt, um praxisrelevante Fragestellungen zu erforschen. Über den Projektzeitraum von 1,5 Jahren soll die Plattform "XDC Forum" entstehen, die nicht nur Informationen zum XDC-Modell enthält, sondern auch interaktive Elemente wie Webinare oder Podcasts zu Anwendungsmöglichkeiten.

Alle Forschungsergebnisse sind frei zugänglich, nach Projektende wird auch der Quellcode des verbesserten Modells für alle Interessierten frei zur Verfügung stehen. Gelingt es, mit dem XDC-Modell einen Standard zu setzen, ließen sich die Klimabemühungen von Unternehmen mit einer einzigen Kennzahl auch von Laien erfassen und vergleichen.