Mercedes SLS AMG: Unterwegs im Flügeltürer

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Die Mittelbahnen der SLS-Sitze sind etwas weicher gepolstert als die Seitenwangen, was als gelungener Kompromiss zwischen Langstrecken-Tauglichkeit und Race-Fähigkeiten erscheint. Auch große Menschen haben jede Menge Freiheit für Beine und Kopf. "Ich bin ein Sitzriese, und ich muss hier schließlich auch reinpassen", sagt mir Zetsche. Für kleinere Zeitgenossen ist es allerdings nicht ganz einfach, sitzend den in luftiger Höhe schwebenden Türgriff zu erreichen. Hier gilt es entweder, sich noch mal aus dem Sitz zu stemmen oder bereits beim Einsteigen die Tür mitzuziehen. Außerdem gibt es ein Band mit Klettverschluss als Zubehör, welches am inneren Türgriff befestigt werden kann – was aber der Optik nicht unbedingt zuträglich sein dürfte. In Sachen Ablagen hält sich der Supersportler vornehm zurück: Die Mittelkonsole bietet zwei kleine Fächer, an der Rückwand zwischen den Sitzen wartet eine flache Ledertasche auf Kleinkram. Ein Handschuhfach gibt es selbstverständlich auch – aber in den Türen kann nichts verstaut werden. Natürlich müssten Ablagefächer dort mit einem fest schließenden Deckel ausgerüstet werden, da sonst bei geöffneter, also beinahe Kopf stehender Tür, der Fachinhalt der Schwerkraft folgen würde.

Die Räder des SLS werden an Doppel-Dreiecksquerlenkern aus Aluminium geführt. Radführung und Federung sind hier voneinander getrennt, was zu einem ausgesucht präzisen Fahrgefühl führt. Dabei ist die gesamte Feder-Dämpferabstimmung so ausgewogen, dass ich zum Beispiel erhabene Fahrbahnmarkierungen höre, aber nur zart spüre – ganz im Gegensatz zum etwas härter abrollenden E 63 AMG. Vom ruhigen Cruisen mit dem Flügeltürer über die Landstraße kann man kaum genug bekommen – auch nach Stunden steige ich ohne Ermüdungserscheinungen, ja eigentlich erfrischt von so viel Fahrspaß, aus dem Wagen. Und auf der Rennstrecke enttäuscht der SLS dann ebenfalls nicht: Mit spielfreier Direktlenkung lässt sich der Parcours ohne Wanken oder Nicken im Eiltempo durchfahren. Das Lenkrad ist ganz nebenbei das Schönste in der ganzen Mercedes-Angebotspalette. Mit gut greifbarem velourüberzogenen Kranz und unten abgeflacht, wirkt es nicht so wuchtig wie andere Konzern-Steuerräder. Die besonders leichten Verbund-Bremsen des SLS werden beherzt in die Zange genommen – was mir sowohl im Alltag und erst recht auf der Rennstrecke gefällt, da sich das Stoppsystem ausgesprochen gut dosieren lässt.

Hinter der Vorderachse, also in so genannter "Front-Mittelmotor"-Anordnung, schlägt das Herz des SLS: ein überarbeiteter 6,3-Liter-V8. Der Basismotor heimste 2009 die renommierte Auszeichnung "Best Performance Engine of the Year" ein. Dank diverser Modifikationen wie beispielsweise der komplett neu entwickelten Ansauganlage, der Überarbeitung des Ventiltriebs und der Nockenwellen sowie strömungsoptimierter Fächer-Krümmer bringt es der Motor jetzt auf 571 PS – 46 PS mehr als beispielsweise im E 63 AMG. Das maximale Drehmoment des nach dem Prinzip "Ein Mann, ein Motor " gefertigten Aggregats steigt um von 630 Nm auf 650 Nm und liegt bei 4750 U/min an. Schon beim ersten Gasgeben war ich vom Sound des Saugermotors begeistert: Grollend gurgelt das Hochdrehzahl-Aggregat seine Arbeitsfreude heraus. "Wir wollen mit dem SLS-Motor einen richtig guten Klangteppich ausbreiten" sagt uns noch AMG-Chef Volker Mornhinweg. Das hat funktioniert, sicher auch wegen des absichtlich wie Zündaussetzer klingenden "Pockens", was uns beim Gaswegnehmen von hinten einlullt. Mit sensationellem Ansprechverhalten lädt der Motor zu dynamischer Fahrt ein. Tritt man das Gaspedal durch, geht es in 3,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h, in 11,7 Sekunden absolviert der SLS AMG den Sprint auf Tempo 200.