Chernobyl30: Beklemmende Bilder aus der Todeszone
Seite 4: Von Baummutanten und Riesenwelsen
Diese besondere Atmosphäre wollte Heiko Roith mit seinen Fotografien für die Nachwelt konservieren. Wir konnten mit ihm am Telefon sprechen und möchten seine persönlichen Eindrücke vom Reaktor und der Sperrzone wiedergeben. Ihm zufolge ändert sich Atmosphäre spürbar je näher man sich auf den Reaktor zubewegt. Speziell innerhalb des 10-km-Kreises um den Reaktor soll eine eigentümliche Stimmung herrschen. Er berichtet davon, dass er mit seinem Team auf einem Hochhaus in Prypjat stand und es sei unnatürlich still gewesen. In der Sperrzone ist ihm aufgefallen, dass einige Tiere signifikant größer waren als außerhalb. Im Kanal neben dem Reaktor tummeln sich laut Roith riesige Welse, die den Rahmen des Üblichen deutlich sprengen. Einzelne Exemplare sollen bis zu drei Meter lang werden. Auch Wildschweine und Wildpferde seien innerhalb der Zone deutlich größer als anderswo. Er berichtet von Wildpferden, die so groß wirkten wie bayrische Kaltblutpferde.
Auch die Pflanzen zeigen noch sichtbare Anzeichen der Katastrophe. Im Red Forest, einem Gebiet mit einer extrem hohen Strahlenbelastung, gibt es immer noch viele mißgebildete und mutierte Bäume. Roith hat Bäume gesehen, die verwachsen waren wie Bonsai-Gehölze. Die Stadt Tschernobyl liegt außerhalb der 10-km-Zone um das Kraftwerk, hier halten sich Arbeiter, Soldaten, Polizisten und Feuerwehrleute auf. Laut Heiko Roith ist es eine extrem ruhige und saubere Stadt. Aber der schöne Schein trügt: Auf der Liste des Blacksmith Institute gehört Tschernobyl immer noch zu den zehn Orten mit der höchsten Umweltbelastung weltweit.
Seit der Evakuierung der Menschen erobert hat die Natur dier verlassene Stadt Prybjat wieder zurĂĽck.
(Bild:Â Heiko Roith)
Nach 22 Uhr herrscht in Tschernobyl strikte Ausgangssperre. Ein Grund hierfür sind im Sperrgebiet herumstreifende Wölfe. Man will – so wurde es Heiko Roith berichtet – damit verhindern, dass Betrunkene spät in der Nacht auf dem Heimweg von diesen Tieren angefallen werden. Was davon Wahrheit ist und was Legende, ist schwer einzuordnen. Sicher ist jedenfalls, dass der Wolf kein Kuscheltier ist. Im Sperrgebiet ist inzwischen nicht mehr der Mensch die dominante Spezies. Die Natur füllt mit aller Macht die Lücke, welche die evakuierte Bevölkerung hinterlassen hat.