Automatisch mehr Zeit

Wenn alle Menschen Nerds wären, hätten wir weniger Geschlechter (vielleicht auch mehr), ein bedingungsloses Grundeinkommen aus Maschinenarbeit und viel mehr Zeit für Interessantes. Normale Menschen wollen das jedoch gar nicht.

vorlesen Druckansicht 21 Kommentare lesen
Lesezeit: 5 Min.
Inhaltsverzeichnis

Den Erwartungshorizont der eigenen Interessengruppe zu verlassen war schon immer schwierig. Seit einigen Jahren machen es unsere Filterblasen noch einfacher, in einer Welt zu leben, in der alle Kontaktpersonen einer erfreulichen Meinung sind: meiner. Umso wichtiger wird es also, die Blase wenigstens gelegentlich gezielt zu verlassen. Es ist sonst unmöglich, zu verstehen, wieso es noch Fernsehen gibt, wenn man doch launengezielt Filme, Dokumentationen, Unterhaltung generell streamen kann. Die einzige Rechtfertigung für Rundfunk scheinen uns Nerds Großereignisse, bei denen sehr viele Menschen zur selben Zeit dasselbe sehen wollen, und selbst diese Rechtfertigung steht nur, weil Bittorrent den eigentlich gewünschten Weg zum Hauptdarsteller solcher Anwendungsfälle nicht so recht geschafft hat.

Gerade liegt groß der Themenkomplex autonome Autos auf meinem Schreibtisch. Wenn man Nerds fragt, kann so eine Entwicklung nicht schnell genug gehen, denn Nerds sind praktisch per Definitionem neugierige Menschen. Wie im Stau stehen geht oder 120 km/h geradeaus fahren, das weiß man sehr schnell. Langweilig. Doch wenn diese Blödelesarbeiten von einer Maschine übernommen werden, wie viel Zeit gäbe es dann, endlich diesen Klopapierbedrucker zu bauen oder diese Virus-Drohne! Ein neugieriger Nerd hat heute das hauptsächliche Problem, dass seine wache Lebenszeit endlich bleibt, obwohl es eine praktisch unendliche Anzahl hochinteressanter Dinge zu erforschen gäbe. Bre Pettis von Makerbot Industries drückte es 2010 in einem Interview schön aus: "It can be hard to find time to eat and sleep. There is way too much stuff to do in this world right now. If you're bored in this day and age, you're doing it wrong." Unter Nerds gibt es da breiten Konsens. Doch schon ein einfacher Besuch beim nächsten McDonalds zeigt, dass Nerds nicht den Takt der Masse schlagen.

Automatisch mehr Zeit (3 Bilder)

"Hallo! Wir sind die Guhgler und das ist unser tolles Auto! Es fährt von selbst, damit du dir mehr Ads anschauen kannst!"

(Bild: Google)

Besonders deutlich wird die Diskrepanz zwischen den Bewohnern von Nerdtopia und den Bewohnern von, sagen wir: Bottrop-Mitte, wenn es um Arbeit geht. Ein Nerd, der sein Leben gekonnt installiert hat, sitzt in einem angenehm temperierten Raum, in dem er Sachen mit Computern und Nerf Guns macht. Dass man ihn dafür bezahlt, ist erfreulich, aber ohne großen Motivationswert an sich. Er würde ähnliche Dinge sowieso machen. Deshalb liegt für ihn der Gedanke auch so nahe, dass man jede Blödelesarbeit einfach abschaffen, automatisieren könnte und den ersetzten Leuten trotzdem Geld geben. Sie würden ja durch ihre Neugier, ihren Tatendrang netto weiterhin Werte erwirtschaften, oder zumindest Kultur erschaffen. Den Restschwund von "muss" zu "kann" gleichen die effizienteren Automaten aus. Wie fair das wäre! Dass die meisten Menschen jedoch keinen Funken solchen Antriebs haben, glaubt er nicht, obwohl er täglich die Wahrheit sehen könnte.