Automatisch mehr Zeit
Wenn alle Menschen Nerds wären, hätten wir weniger Geschlechter (vielleicht auch mehr), ein bedingungsloses Grundeinkommen aus Maschinenarbeit und viel mehr Zeit für Interessantes. Normale Menschen wollen das jedoch gar nicht.
Den Erwartungshorizont der eigenen Interessengruppe zu verlassen war schon immer schwierig. Seit einigen Jahren machen es unsere Filterblasen noch einfacher, in einer Welt zu leben, in der alle Kontaktpersonen einer erfreulichen Meinung sind: meiner. Umso wichtiger wird es also, die Blase wenigstens gelegentlich gezielt zu verlassen. Es ist sonst unmöglich, zu verstehen, wieso es noch Fernsehen gibt, wenn man doch launengezielt Filme, Dokumentationen, Unterhaltung generell streamen kann. Die einzige Rechtfertigung für Rundfunk scheinen uns Nerds Großereignisse, bei denen sehr viele Menschen zur selben Zeit dasselbe sehen wollen, und selbst diese Rechtfertigung steht nur, weil Bittorrent den eigentlich gewünschten Weg zum Hauptdarsteller solcher Anwendungsfälle nicht so recht geschafft hat.
Gerade liegt groß der Themenkomplex autonome Autos auf meinem Schreibtisch. Wenn man Nerds fragt, kann so eine Entwicklung nicht schnell genug gehen, denn Nerds sind praktisch per Definitionem neugierige Menschen. Wie im Stau stehen geht oder 120 km/h geradeaus fahren, das weiß man sehr schnell. Langweilig. Doch wenn diese Blödelesarbeiten von einer Maschine übernommen werden, wie viel Zeit gäbe es dann, endlich diesen Klopapierbedrucker [1] zu bauen oder diese Virus-Drohne [2]! Ein neugieriger Nerd hat heute das hauptsächliche Problem, dass seine wache Lebenszeit endlich bleibt, obwohl es eine praktisch unendliche Anzahl hochinteressanter Dinge zu erforschen gäbe. Bre Pettis von Makerbot Industries drückte es 2010 in einem Interview [3] schön aus: "It can be hard to find time to eat and sleep. There is way too much stuff to do in this world right now. If you're bored in this day and age, you're doing it wrong." Unter Nerds gibt es da breiten Konsens. Doch schon ein einfacher Besuch beim nächsten McDonalds zeigt, dass Nerds nicht den Takt der Masse schlagen.
Automatisch mehr Zeit (0 Bilder) [4]
Keine Arbeit, kein Interesse
Besonders deutlich wird die Diskrepanz zwischen den Bewohnern von Nerdtopia und den Bewohnern von, sagen wir: Bottrop-Mitte, wenn es um Arbeit geht. Ein Nerd, der sein Leben gekonnt installiert hat, sitzt in einem angenehm temperierten Raum, in dem er Sachen mit Computern und Nerf Guns macht. Dass man ihn dafür bezahlt, ist erfreulich, aber ohne großen Motivationswert an sich. Er würde ähnliche Dinge sowieso machen. Deshalb liegt für ihn der Gedanke auch so nahe, dass man jede Blödelesarbeit einfach abschaffen, automatisieren könnte und den ersetzten Leuten trotzdem Geld geben. Sie würden ja durch ihre Neugier, ihren Tatendrang netto weiterhin Werte erwirtschaften, oder zumindest Kultur erschaffen. Den Restschwund von "muss" zu "kann" gleichen die effizienteren Automaten aus. Wie fair das wäre! Dass die meisten Menschen jedoch keinen Funken solchen Antriebs haben, glaubt er nicht, obwohl er täglich die Wahrheit sehen könnte.
Die Standardversion Mensch ist in ihrem Evolutionsverlauf hauptsächlich auf Motivation von außen getrimmt. Geh Nahrung suchen, sonst Hunger. Die Moderne hat daran wenig geändert: Geh arbeiten, sonst Armut. Selbst 2014 noch hört man außerhalb der Filterblase ständig Dinge wie "Was mache ich nur mit meiner Zeit, wenn ich in Rente bin?" oder gar "Jetzt muss ich wieder Urlaub nehmen, was fange ich mit den zwei Wochen nur an?". Arbeit gibt Menschen eine Aufgabe von außen, und viele ziehen es vor, stupide Arbeiten zu erledigen als keine. Sie geben ihnen das gute Gefühl virtueller Nützlichkeit in der Gesellschaft. Sie geben ihnen jedoch vor allem etwas zu tun. Ergotherapie ist tatsächlich heilsam. Entzieht man Menschen ihre stupiden Arbeiten bei gesicherter Versorgung zumindest grundlegendster Bedürfnisse, laufen sie nicht etwa zur Form ihres Lebens auf und produzieren plötzlich Kunst, Code oder neue Konstruktionen. Nein, sie setzen sich passiv vor einen Bildschirm und tun gar nichts mehr, bis ihr Arzt ihnen die teure Beschäftigungstherapie verordnet – auch wieder von außen.
Zeit ist Zeit, nanaa-nanana
Die interessanten Antworten auf meine Fragen zum automagischen Auto waren also gar nicht die der Nerds, sondern die normaler Menschen. "Ich sitze doch eh in diesem Auto", sagte einer. "Da ist es doch egal, ob ich fahre oder nicht. Es ist dieselbe Zeit." Einen qualitativen Unterschied zwischen chauffiert Neues lernen können und selbst fahrend Altbekanntes zu tun gab es für ihn selbst auf explizite Nachfrage nicht. Im Gegenteil führte er sehr luzid aus: "Es heißt bei jeder neuen Entwicklung: Wir haben dann mehr Zeit. Davon merke ich aber nie etwas. Wir verschwenden dann einfach mehr Zeit." Genau. Automatisierte Autos werden irgendwann kommen, dafür sorgen schon die Treiber "Effizienz", "Sicherheit" und "Kontaktzahl Google AdSense". Aber wir werden deshalb nicht mehr freie Zeit für "die wichtigen Dinge" haben. Wir werden die frei gewordene Zeit verschwenden und im Prinzip genau so dastehen wie heute. Ist ja auch ein Luxus ... (cgl [6])
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[1] http://www.mariolukas.de/2011/09/mach-flott-den-schrott-toilettenpapier-drucker/
[2] https://www.heise.de/news/Drohne-infiziert-andere-Drohnen-1764489.html
[3] http://www.shapeways.com/blog/archives/364-shapeways-interviews-bre-pettis-of-makerbot-industries.html
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/4737870.html?back=2072562;back=2072562
[5] https://www.heise.de/bilderstrecke/4737870.html?back=2072562;back=2072562
[6] mailto:cgl@ct.de
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