"Uranreichweiten von über 200 Jahren"
Seite 2: "Uranreichweiten von über 200 Jahren"
TR: Nach den Zwischenfällen Ende Juni wurden die Kernkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel beide vom Netz genommen. Trotzdem ist es im Großraum Hamburg nicht zu Versorgungsengpässen gekommen. Kernenergiekritiker haben deshalb argumentiert, dass ein Wegfall der Energie, die in Kernkraftwerken erzeugt wird, schon jetzt kompensierbar ist. Wo wird denn der fehlende Strom bezogen, wenn Reaktoren vorübergehend abgeschaltet werden?
Hohlefelder: Da kommen eine Reihe von Faktoren zusammen. Zunächst einmal: Wir agieren in einem europäischen Strommarkt. In das europäische Verbundnetz speisen alle Erzeuger ihren Strom ein. Dieser Markt verfügt selbstverständlich über Reservekapazitäten mit dem Ziel, die Stromversorgung auch dann zu sichern, wenn zum Beispiel zu geplanten Kraftwerksstillständen ungeplante dazukommen. Auf der anderen Seite spielt auch der Bedarf, das heißt die kundenseitige Nachfrage, eine Rolle. Es geht also täglich aufs Neue darum, Angebot und Nachfrage auszugleichen. Das ist sehr kurz umrissen die Hauptaufgabe des sehr komplexen Systems der Energieversorgung.
TR: Welche Rolle spielt die Tatsache, dass auch die Uranreserven begrenzt sind? Verschiedene Schätzungen, auch aus Kreisen der Energiewirtschaft, gehen von vielleicht 50 Jahren aus.
Hohlefelder: Sie sprechen hier einen wichtigen Punkt an. Fakt ist, dass von der Internationalen Atomenergieorganisation und der Bundesanstalt für Rohstoffe und Geowissenschaften Uranreichweiten von über 200 Jahren errechnet wurden. Uran ist ein weltweit vorkommender Rohstoff, der auf allen Kontinenten gefördert wird. Die wichtigsten Lieferländer sind überdies Australien und Kanada. Auf die politische Stabilität – im Gegensatz zu vielen ölfördernden Ländern – muss ich hier explizit nicht hinweisen. Zusammen mit dem sehr niedrigen Brennstoffkostenanteil an den Stromproduktionskosten ist Uran ein sicherer und langfristig verfügbarer Energieträger. Daher kann man auch mit Fug und Recht folgendes behaupten: Kernenergie ist ebenso wie Braunkohle oder Erneuerbare faktisch ein heimischer Energieträger. Wir dürfen auf ihn nicht verzichten.
TR: Es wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass wichtiges Kernenergie-Know-how in Deutschland verloren gegangen ist. Ist dies auch dem langsamen Ausstieg zuzuschreiben, der ja letztlich mit einem Meinungswandel in Politik und Öffentlichkeit schon vor vielen Jahren begonnen hat?
Hohlefelder: Formulieren wir es besser so: Das Know-how im Bereich der Kerntechnik droht zumindest dann verloren zu gehen, wenn nicht endlich, auch seitens des Bundes gegengesteuert wird. Ich spreche hier in aller Deutlichkeit das von Rot-Grün verhängte Forschungsverbot bei der Reaktorneuentwicklung an. Nach wie vor hat es Bestand. Ein Technologie- und Wirtschaftsstandort – noch darf Deutschland sich als solcher bezeichnen – kann und darf sich das Festhalten an Grundsätzen von einst jedoch einfach nicht leisten. Falsche und wirtschaftsschädigende Grundsätze werden nicht dadurch richtig, nur weil man an ihnen festhält. Sie bleiben auch in Zukunft falsch.
Auch deshalb fördern die Energieversorger in den letzten Jahren verstärkt Lehrstühle im Bereich der Kerntechnik. Wir setzen damit auch ein Zeichen für den Technologiestandort Deutschland. Ziel ist es, die Technologieführerschaft Deutschlands zu erhalten. Denn auch in den nächsten Jahrzehnten wird der Bedarf an fachgerecht ausgebildetem Personal in Deutschland ungemindert groß sein. Vor allem bei den Herstellern, Aufsichtsbehörden sowie in der Forschung.
TR: Angenommen, Politik und Öffentlichkeit würden mittelfristig doch einen Ausstieg aus dem Ausstieg befürworten und grünes Licht für Kernkraftwerke der nächsten Generation in Deutschland geben. Wieviel würde etwa eine Anlage vom Typ des Europäischen Druckwasserreaktors kosten? Müsste sich die öffentliche Hand an den Kosten beteiligen, oder könnte die Energiewirtschaft die Investitionen selbst aufbringen?
Hohlefelder: Es ist kein Geheimnis: Ein Kernkraftwerk zu errichten, ist ein kapitalintensives Vorhaben. Dafür liegen die Brennstoffkosten weit unter denen bei fossilen Kraftwerken. Hier liegt einer der entscheidenden Vorteile bei der Stromerzeugung aus Kernenergie, im Gegensatz beispielsweise zu Gas. Beim Bau des EPR in Olkiluoto muss berücksichtigt werden, dass es sich um ein Erstprojekt handelt. Preislich nach unten zeigende Änderungen bei zukünftigen Bauprojekten sind also durchaus möglich. Gerade das Beispiel Finnland zeigt, dass der Bau eines Kernkraftwerks rein privat wirtschaftlich ohne staatliche Unterstützung möglich ist. (nbo)