"Uranreichweiten von über 200 Jahren"

Walter Hohlefelder, Präsident des Deutschen Atomforums, über die Sicherheit deutscher Kernkraftwerke, die Unausweichlichkeit, die Kernenergie neu zu bewerten, und die Kosten für eventuelle Reaktorneubauten.

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Von
  • Niels Boeing
Inhaltsverzeichnis

Der Streit um Reaktorlaufzeiten und die Zukunft der Kernenergie in Deutschland ist eine der unendlichen Geschichten des Jahres 2007. Vollends aufgeflammt ist er nach den Zwischenfällen in den AKW Krümmel und Brunsbüttel im Juni. Erst gestern gab das schleswig-holsteinische Sozialministerium als zuständige Atomaufsicht des nördlichsten Bundesland bekannt, dass beide Anlagen unter anderem wegen fehlerhafter Dübel nicht vor dem nächsten Jahr wieder ans Netz gehen können. Im Juli hatte Michael Sailer, Kernenergie-Experte des Öko-Instituts und Mitglied der Reaktorsicherheitskommission im TR-Gespräch auf Sicherheitsprobleme hingewiesen, die durch fehlende Originalersatzteile und "mitalternde" Sicherheitskonzepte entstehen. Sailer wies die Behauptung zurück, die Kernenergie könne wesentlich zum Klimaschutz beitragen.

Diese Einschätzung vertreten die deutschen Kernkraftwerksbetreiber, die längere Laufzeiten auch für die älteren Anlagen wie in Brunsbüttel und Krümmel fordern. Technology Review sprach deshalb mit Walter Hohlefelder, Vorstandsmitglied von E.ON Energie und Präsident des Deutschen Atomforums, über die Reaktorsicherheit in Deutschland, die Unausweichlichkeit, die Kernenergie fünf Jahre nach dem gesetzlich vereinbarten Atomausstieg neu zu bewerten, die Uranreserven und die Kosten für eventuelle Reaktorneubauten.

Technology Review: Die Betreibergesellschaften der deutschen Kernkraftwerke haben erst Ende August wieder ihre Forderung bekräftigt, die Laufzeiten für die älteren Kraftwerke müssten verlängert werden. Warum?

Walter Hohlefelder: Lassen Sie mich zunächst eine generelle Aussage machen. Es ist längst überfällig, die Kernenergie in Deutschland neu zu bewerten. Deutschland ist mit dem Ausstieg aus der Kernenergie international gesehen völlig isoliert.

Die Forderung, ältere Anlagen früher als neuere abzuschalten, ist doch rein ideologisch motiviert. Fakt ist: nicht das Alter der Kernkraftwerke ist entscheidend sondern ihre Sicherheit. Die Anlagen werden durch Nachrüstungen kontinuierlich dem aktuellen Stand der Sicherheitstechnik nachgeführt. Die Betreiber von Kernkraftwerken haben ein ureigenes Interesse an größtmöglicher Sicherheit ihrer Kernkraftwerke und das von jeher.

Zusammengefasst: Auch ältere Reaktoren sind sicher. Wäre das nicht so, hätten die Aufsichtsbehörden – und sicher auch Herr Gabriel – schon längst gehandelt, oder besser gesagt, handeln müssen! Bei der Forderung nach Abschaltung von Altanlagen geht es nicht um die Sache sondern um einen vermeintlichen politischen Vorteil.

TR: Nach den jüngsten Zwischenfällen in Brunsbüttel und Krümmel ist aber gerade die Sicherheit der dortigen Kraftwerke angezweifelt worden. Dann tauchte im Juli eine Liste mit noch offenen Punkten zur Reaktorsicherheit in Brunsbüttel auf. Sind die älteren Siedewasserreaktoren sicher genug?

Hohlefelder: Das habe ich gerade ausgeführt. Nochmal: Egal, ob es sich bei den Anlagen um Siede- oder Druckwasserreaktoren, um „ältere“ oder „neuere“ handelt. Auch der Bundesumweltminister hat am hohen Sicherheitsniveau keinen Zweifel. Das hat er zuletzt Ende August im Gespräch mit den Betreibern noch einmal bestätigt. Im Juli ist keine Liste mit offenen Punkten „aufgetaucht“ sondern es gehört zum gelebten Sicherheitsmanagement, dass die Betreiber bis 2002 ohne, danach mit gesetzlicher Verpflichtung, ihre Kraftwerke alle 10 Jahre einer „Gesamtschau“ unterziehen. Ziel der ganzheitlichen Erfassung und Beurteilung des Sicherheitsstatus einer Anlage ist es, Möglichkeiten zur weiteren sicherheitstechnischen Verbesserung der Anlage unter Einbeziehung internationaler Betriebserfahrungen und Forschungsergebnisse zu identifizieren. Das heißt nach einer Beurteilung durch Gutachter erfolgen Empfehlungen zur Optimierung der Kraftwerke.

Abschließend möchte ich noch einmal feststellen: Die deutschen Kernkraftwerke sind führend in punkto Leistungsfähigkeit, Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit. Nicht ohne Grund belegen deutsche Anlagen Jahr für Jahr Spitzenpositionen in der Stromproduktion unter den Kernkraftwerken weltweit. Übrigens seit 1989 stets auch den ersten Platz. Darauf können die Betriebsmannschaften hierzulande zu Recht stolz sein.

TR: Michael Sailer vom Öko-Institut hat kürzlich gegenüber Technology Review bemängelt, dass die Sicherheitsanalysen selbst veraltet seien, weil sie nicht dem Stand der nachgerüsteten Technik angepasst wurden. Ist an dem Vorwurf etwas dran?

Hohlefelder: Die periodische Sicherheitsüberprüfung und alles was mit ihr verbunden ist, ist im Atomgesetz klar und wirksam geregelt. Handlungsbedarf sehe ich diesbezüglich keinen. Was die Betreiber mit Bundesumweltminister Gabriel jedoch verabredet haben, ist, dass die Ergebnisse der periodischen Sicherheitsüberprüfungen schneller abgearbeitet werden sollen.

TR: Warum ist Kernenergie für Deutschland auf absehbare Zeit unverzichtbar?

Hohlefelder: Ich bin davon überzeugt, dass es sich bei der Kernenergie um eine nachhaltige Form der Energieerzeugung handelt. Sie ist erstens wettbewerbsfähig, zweitens stärkt sie die Versorgungssicherheit und drittens leistet sie einen wesentlichen Beitrag zur Klimavorsorge. Ein Beispiel: Jahr für Jahr erspart die Stromproduktion in deutschen Kernkraftwerken der Atmosphäre 150 Millionen Tonnen CO2. Obwohl von bestimmten Kreisen immer wieder der Versuch unternommen wird, jenen Beitrag künstlich klein zu rechnen, so ist CO2-Vermeidung durch Kernenergie doch im Grundsatz unbestritten.

Unbestritten ist auch, dass der Ersatz der wegfallenden Kernkraftwerksleistung in Deutschland nicht ohne den Bau neuer Kohle- und Gaskraftwerke möglich ist. Und das bedeutet einen Anstieg der jährlichen CO2-Emissionen. Wir sollten uns daher keinen Illusionen hingeben: Ein umfassender Ersatz der CO2-freien Stromerzeugung aus Kernenergie wird erst dann möglich sein, wenn die CO2-Abscheidung und Lagerung bei fossilen Kraftwerken technisch und wirtschaftlich gelöst ist. Vor 2025 bis 2030 wird das aber nicht der Fall sein.

TR: Hat sich an der Ausgangssituation, aufgrund der 2002 im geänderten Atomgesetz der Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland bis 2020 festgelegt wurde, etwas geändert?

Hohlefelder: Definitiv. Der Ausstieg aus der Kernenergie wurde unter der Annahme von Erwartungen getroffen, die sich in der Zwischenzeit als unzutreffend oder nicht haltbar herausgestellt haben. Betrachten wir den Bereich der Klimavorsorge: In Deutschland will man die Treibhausgasemissionen bis 2020 um rund 40 Prozent gegenüber 1990 reduzieren. Maßgebliche Stellschraube hierfür ist das Erreichen einer jährlichen Energieeffizienz in Höhe von 3 Prozent. Zum Hintergrund: Ein Wert, der in Deutschland seit Jahren nicht erzielt wurde. Die Rechnung ist daher simpel: Werden diese 3 Prozent verfehlt, scheitert zwangsläufig die angestrebte Emissionsminderung. Das in der Studie gezeichnete Szenario wäre somit hinfällig.

Wie steht es zudem mit den volkswirtschaftlichen Belastungen, die mit dem Ausstieg verbunden sind? Die deutsche Volkswirtschaft müsste bei der Umsetzung des Ausstiegs-Beschlusses zusätzliche Mittel für den Bau und Betrieb von Ersatzkraftwerken aufbringen, die ansonsten für anderweitige Zwecke – investive und konsumtive – zur Verfügung stünden. Die Studie zum Energiegipfel schweigt sich jedoch über die zu erwartenden volkswirtschaftlichen Kosten aus.

Wie eingangs schon erwähnt, wird deutlich, dass wir unter den Gesichtspunkten Klimavorsorge, Wirtschaftlichkeit sowie Versorgungssicherheit – Stichworte hier: höhere Erdgasimporte, Verteuerung von Gas und Öl, Zugang zu Ressourcen – alternativlos zu einer Neubewertung der Kernenergie sind.

TR: Nach den Zwischenfällen Ende Juni wurden die Kernkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel beide vom Netz genommen. Trotzdem ist es im Großraum Hamburg nicht zu Versorgungsengpässen gekommen. Kernenergiekritiker haben deshalb argumentiert, dass ein Wegfall der Energie, die in Kernkraftwerken erzeugt wird, schon jetzt kompensierbar ist. Wo wird denn der fehlende Strom bezogen, wenn Reaktoren vorübergehend abgeschaltet werden?

Hohlefelder: Da kommen eine Reihe von Faktoren zusammen. Zunächst einmal: Wir agieren in einem europäischen Strommarkt. In das europäische Verbundnetz speisen alle Erzeuger ihren Strom ein. Dieser Markt verfügt selbstverständlich über Reservekapazitäten mit dem Ziel, die Stromversorgung auch dann zu sichern, wenn zum Beispiel zu geplanten Kraftwerksstillständen ungeplante dazukommen. Auf der anderen Seite spielt auch der Bedarf, das heißt die kundenseitige Nachfrage, eine Rolle. Es geht also täglich aufs Neue darum, Angebot und Nachfrage auszugleichen. Das ist sehr kurz umrissen die Hauptaufgabe des sehr komplexen Systems der Energieversorgung.

TR: Welche Rolle spielt die Tatsache, dass auch die Uranreserven begrenzt sind? Verschiedene Schätzungen, auch aus Kreisen der Energiewirtschaft, gehen von vielleicht 50 Jahren aus.

Hohlefelder: Sie sprechen hier einen wichtigen Punkt an. Fakt ist, dass von der Internationalen Atomenergieorganisation und der Bundesanstalt für Rohstoffe und Geowissenschaften Uranreichweiten von über 200 Jahren errechnet wurden. Uran ist ein weltweit vorkommender Rohstoff, der auf allen Kontinenten gefördert wird. Die wichtigsten Lieferländer sind überdies Australien und Kanada. Auf die politische Stabilität – im Gegensatz zu vielen ölfördernden Ländern – muss ich hier explizit nicht hinweisen. Zusammen mit dem sehr niedrigen Brennstoffkostenanteil an den Stromproduktionskosten ist Uran ein sicherer und langfristig verfügbarer Energieträger. Daher kann man auch mit Fug und Recht folgendes behaupten: Kernenergie ist ebenso wie Braunkohle oder Erneuerbare faktisch ein heimischer Energieträger. Wir dürfen auf ihn nicht verzichten.

TR: Es wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass wichtiges Kernenergie-Know-how in Deutschland verloren gegangen ist. Ist dies auch dem langsamen Ausstieg zuzuschreiben, der ja letztlich mit einem Meinungswandel in Politik und Öffentlichkeit schon vor vielen Jahren begonnen hat?

Hohlefelder: Formulieren wir es besser so: Das Know-how im Bereich der Kerntechnik droht zumindest dann verloren zu gehen, wenn nicht endlich, auch seitens des Bundes gegengesteuert wird. Ich spreche hier in aller Deutlichkeit das von Rot-Grün verhängte Forschungsverbot bei der Reaktorneuentwicklung an. Nach wie vor hat es Bestand. Ein Technologie- und Wirtschaftsstandort – noch darf Deutschland sich als solcher bezeichnen – kann und darf sich das Festhalten an Grundsätzen von einst jedoch einfach nicht leisten. Falsche und wirtschaftsschädigende Grundsätze werden nicht dadurch richtig, nur weil man an ihnen festhält. Sie bleiben auch in Zukunft falsch.

Auch deshalb fördern die Energieversorger in den letzten Jahren verstärkt Lehrstühle im Bereich der Kerntechnik. Wir setzen damit auch ein Zeichen für den Technologiestandort Deutschland. Ziel ist es, die Technologieführerschaft Deutschlands zu erhalten. Denn auch in den nächsten Jahrzehnten wird der Bedarf an fachgerecht ausgebildetem Personal in Deutschland ungemindert groß sein. Vor allem bei den Herstellern, Aufsichtsbehörden sowie in der Forschung.

TR: Angenommen, Politik und Öffentlichkeit würden mittelfristig doch einen Ausstieg aus dem Ausstieg befürworten und grünes Licht für Kernkraftwerke der nächsten Generation in Deutschland geben. Wieviel würde etwa eine Anlage vom Typ des Europäischen Druckwasserreaktors kosten? Müsste sich die öffentliche Hand an den Kosten beteiligen, oder könnte die Energiewirtschaft die Investitionen selbst aufbringen?

Hohlefelder: Es ist kein Geheimnis: Ein Kernkraftwerk zu errichten, ist ein kapitalintensives Vorhaben. Dafür liegen die Brennstoffkosten weit unter denen bei fossilen Kraftwerken. Hier liegt einer der entscheidenden Vorteile bei der Stromerzeugung aus Kernenergie, im Gegensatz beispielsweise zu Gas. Beim Bau des EPR in Olkiluoto muss berücksichtigt werden, dass es sich um ein Erstprojekt handelt. Preislich nach unten zeigende Änderungen bei zukünftigen Bauprojekten sind also durchaus möglich. Gerade das Beispiel Finnland zeigt, dass der Bau eines Kernkraftwerks rein privat wirtschaftlich ohne staatliche Unterstützung möglich ist. (nbo)