Meinung: Gewurschtel in der Dieselkrise
Natürlich durchschaut der potentielle Neuwagenkäufer rasch die Prämien der Hersteller als das, was sie sind: Ein aktualisierter Name für ein bestehendes Angebot. Zu verschenken hat niemand etwas, und so läuft das Geschäft immer ähnlich. Der Nachlass ist nicht zu kombinieren mit weiteren Rabatten, der Restwert des Fahrzeugs, was in Zahlung gegeben werden soll, wird besonders niedrig angesetzt. Die Umtauschprämien sind oft nicht die Folie wert, mit denen sie an den Fenstern der Händler angepriesen werden. Das zeigen auch Stichproben wie jene von WISO. Der Bundesverkehrsminister will diesen Umstand so nicht stehenlassen: „Es kann nicht sein, dass die Umweltprämie lediglich den sonst üblichen Rabatt ersetzt“, sagt Andreas Scheuer in der Autobild (Ausgabe vom 25. Oktober 2018).
Es kann nicht sein, was nicht sein darf
Dort fand gerade eine große Telefonaktion statt, bei der Leser Fragen an Fachleute und solche, die es gern wären, stellen konnten. Es mag Menschen geben, die sich über die Sorge eines Anrufers lustig machen, ob man mit einem Euro-4-Wohnmobil in Deutschland noch Urlaub machen kann. Doch die Frage spiegelt eine Sorge, die sich durch zahlreiche Anliegen zieht, die dort geäußert wurden: „Wie geht es weiter? Auf was kann ich mich verlassen?“ Für viele steckt hinter Thema Auto ein finanzieller Kraftakt. Wenn da Restwerte ungeplant purzeln und gleichzeitig die Sorge wächst, das Auto künftig nicht mehr uneingeschränkt nutzen zu können, helfen Beschwichtigungen nicht. Dazu darf auch Scheuers kühne Aussage zählen, dass gebrauchte Diesel nur fünf Prozent weniger Wert sind als vor der Dieselkrise.
Verunsicherer
Zu Verunsicherung trägt, sicher ganz bewusst, auch das Statement von FDP-Chef Christian Lindner bei, der ernsthaft sprach: „In Europa und auch innerhalb Deutschlands misst doch jeder (NOx - Anmerkung der Redaktion) nach Gusto.“ Dabei weiß es der stets um seine Außenwirkung bedachte Lindner natürlich besser. Zur der gesellschaftlichen Verunsicherung gehört auch die Aussage von Volkswagen-Chef Diess, dass zu strenge CO2-Vorgaben 100.000 Arbeitsplätze in Gefahr bringen würde. Die sind allerdings auch dann in Gefahr, wenn man tatsächlich glaubt, es bliebe beim heutigen Quasi-Monopol des Verbrennens von Erdöl. Diess zu unterstellen, er würde daran Festhalten, ist Unsinn – worauf schon die kommende Modellpolitik des von ihm geführten Unternehmens hinweist. Warum also der Versuch, sich ungefragt und ohne Not derart schwungvoll in die Schusslinie zu werfen?
Letztlich sind an der gesellschaftlichen Verunsicherung Politik, Lobbyverbände, Autoindustrie und Medien schuld, wenn auch nicht gleichmäßig verteilt. Die Politik agiert kopflos, Lobbyverbände schüren je nach Ausrichtung entweder Angst oder versuchen Probleme, die das eigene Geschäft tangieren, kleinzureden. Die Autoindustrie gibt sich nach außen hin empört über den vielfach geäußerten Generalverdacht. Sie beharrt auf dem Standpunkt, nichts Illegales getan zu haben. Doch an der laschen Gesetzgebung hat sie einen gehörigen Anteil, griff sie der Politik dabei doch über Jahrzehnte fachgerecht und alles andere als uneigennützig unter die Arme.
Mediale Verantwortung
Schlussendlich stehen natürlich auch die Medien in der Verantwortung. Wer bei der Recherche nicht einmal den Wikipedia-Eintrag zum Thema Abgasnormen gefunden – und verstanden – hat, mag in der Lage sein, die Seele der Besorgten zu streicheln. Zur Aufklärung dieses zugegebenermaßen nicht ganz einfachen Themas trägt er auf diese Art aber nicht bei. Viel mehr ist es unsere Aufgabe, Grundlagen für all jene zu legen, die sich nicht jeden Tag mit diesem Thema beschäftigen. Auch die ständige Heiligenverehrung von Tesla wirft ein merkwürdiges Bild auf manche Kollegen. Jede andere Firma, die so wirtschaften würde wie Tesla, wäre trotz der eloquenten Art der Verkündungen nur eine Notiz unter „Nebensächliches aus aller Welt“ wert.