Klartext: Premium ad absurdum
Volkswagen hat mit dem Up auch ein kleines Auto im Programm, das wie jedes deutsche Auto dem kategorischen Imperativ nach Premium-Vermarktung folgt. Es kostet weniger als der Smart, hat aber vier Sitze oder wird als Variante „load Up“ ohne hintere Sitzbank billiger. Obwohl er über einen Meter länger baut als der Fortwo, bringt seine Größe in der Stadt nicht mehr Probleme, als sein zusätzlicher Platz Nutzen bringt. Den Innenraum hat Volkswagen viel besser gelöst als Smart, indem Wolfsburg auf einfache Materialien in geschlechtsneutraler Formgebung setzt und sogar ganz oldschool lackiertes Türblech sichtbar lässt. Nirgends aus der Kommunikation musste ich hören, wie „Premium“ das alles sei, sondern eher, dass das „smart“ sei. Smart dagegen kann sich bis heute nicht zwischen östrogener Mini-Gestaltung, Premium und „aber wir müssen trotzdem sparen!“ entscheiden.
Smartrad
Und wenn ich das Thema völlig unvoreingenommen betrachte, fällt mir auf: So klein ist der Smart gar nicht – am wenigsten, wenn man den Nutzraum betrachtet. Für eine Zulassung in Japan als Kei Car war schon die erste Generation zu breit. Daimler musste für eine solche Zulassung den „Smart K“ bauen, mit 1470 mm Breite und einem 600-ccm-Motor. Das liegt gar nicht daran, dass Daimler das Packaging schlecht gelöst hätte, sondern das liegt daran, dass ein Auto eben selbst größenoptimiert noch ziemlich viel Ressourcen braucht, darunter auch Platz.
Der Smart fortwo als Stadtfahrzeug konkurriert mit dem Fahrrad, weil er so wenig mehr transportiert. Das Fahrrad gibt es mit Einkaufskörbchen und elektrischem Hilfsmotor neu für ein Zehntel des Preises eines Fortwo und ohne Hilfsmotor steht es meistens schon im Keller herum. Dahin kann man es nämlich tragen. Der Smart steht auf dem Bürgersteig und sammelt Knöllchen wie andere Autos auch. Wenn so ein Konzept Erfolg haben soll, muss es wirklich wie ganz zu Anfang angedacht maximal reduziert sein: eine Autokabine, zwei Sitze nebeneinander, ein kleiner Antrieb, fertig. Das muss deutlich unter 10.000 Euro kosten. Und hier scheitert der Autobauer letztendlich daran, dass auch die Homologation eines Smart nicht wesentlich billiger ist als die eines Viersitzers. Eher kostet sie mehr. Deshalb hat Renault den Twizy wie ein Quad in den EG-Klassen L6e und L7e homologiert. Da stimmt dann der Preis, aber es ist halt „reduced over the max“, weil kein Auto (Klasse M) mehr. Ich weiß nicht, wie viele Eltern ihre Kinder in einem Klasse-L-Fahrzeug transportieren wollen. Anekdotisch kannte ich eine Dame, die auf Harleys Electra Glide beim Kindergarten vorfuhr. Ist aber auch schon etwas her. Ein zukünftiger Massentrend wird das nicht werden.
Swatch. Scar.
Die „reduced“-Idee des Smart war damals ein Herzensprojekt Nicolas Hayeks, bekannt durch den Erfolg von Swatch, den er in der Autoindustrie in groben Zügen zu wiederholen suchte. Hayek wollte von Anfang an nur mit elektrischen oder hybriden Antrieben an den Start gehen. Das passierte nicht, also verließ Hayek das Projekt. Deshalb kann der Rückschauende heute rätseln, ob Hayek die richtigen Ideen für Smart gehabt hätte. Eher nicht. Hayek dachte zum Beispiel, dass man so ein Auto wie Kaugummi (oder Swatch-Uhren) aus Vitrinen im Vorbeigehen erwürbe, dass Reiche einen Smart als Statussymbol kaufen würden. Das wäre ab einem gewissen Preis möglich, aber Hayeks vorgestellter Preis hätte ihm schon damals zeigen können, dass dieser Gedanke wirtschaftlich strandet.
Wir haben aber noch eine weitere Nagelprobe: Ein großer Teil des ehemaligen Entwicklerteams der Swatch-Auto-Idee fand sich später zusammen, um das Elektroauto „Sam“ zu bauen, in das ihnen niemand hineinredete. Sie werden es entweder gar nicht kennen oder wissen, dass dieses Dreirad mit Kabinenroller-Flair keinen Erfolg hatte, obwohl Finanziers und Zulieferer wohlwollend halfen, dass es überhaupt je fuhr. Selbst wenn die Kunden all die seltsamen Sondergänge akzeptiert hätten: Der Sam war trotz L-Zulassung zu teuer. Das wussten die Konstrukteure, bekamen es aber nicht besser hin. Daran kommen wir nicht vorbei, wenn wir über den Nicht-so-Premium-Innenraum des Smarts sprechen. Die Schwellenkosten in der EU-Homologation stehen so kleinen Fahrzeugen entgegen. Der Markt sowieso. Das sieht in Asien schon anders aus, aber gerade dort wollen die Kunden ihre vier Sitze. Zwei Sitze hat eine Honda Supercub auch.
Wir müssen uns mit dem Gedanken anfreunden, dass zweisitzige Kleinautos nur drei Einsatzbereiche haben, in denen sie groß aufzeigen: Gelände, Sport und Carsharing. Wenn ich im Car2Go überhaupt je eine elektrische B-Klasse miete, denke ich jedes Mal: „Was ist das denn für ein bescheuerter Brocken? Wo soll ich den nachher hinstellen?“. Die kleine Kabine des Fortwo eignet sich dagegen super, mich und großes Gepäck zum Flughafen und zurück zu bringen. Wenn ich autonome Autos noch erleben darf, dann hoffentlich in der Größe des Fortwo oder Googles Firefly. Doch Google hat die Firefly-Kabine recht bald eingestellt und Waymo kauft jetzt Vans von Fiat/Chrysler zu. Die Schwellenkosten wahrscheinlich …