Klartext: Kritik des reinen Marketing
BMW hat Headup-Displays von einer Spielerei zum Kaufgrund gemacht, Audi hat sich dort mittlerweile auf eine funktionale Augenhöhe herangesaugt, bei Daimler: Fehlanzeige. Bei einem Interview in Sindelfingen fragte ich einen Entwickler dort konkret danach. Antwort: "Wir schauen uns das an." Wie? Wie viele Jahre denn noch? Man kann diese Projektoren genauso kaufen wie eine Stereokamera, und die Schmach des Nachahmens ist nach all dieser Zeit doch wirklich auch vernachlässigbar.
Dann fragte ich nach Spracherkennung, eine Daimler-Domäne, wie ich dachte. "Ja, warten Sie da mal ab!", sagte der Herr. Ich wartete. Die S-Klasse kann jetzt One-Shot-Adresseingabe. Wow. Das gibt's aus Bayern auch erst seit ... ich erinnere mich gar nimmer. Schließlich die kleine Kaffeetasse, die Müdigkeitserinnerung. Wenigstens das ist doch Sicherheitstechnik, live und in Farbe aus Sindelfingen, oder? Nein: "Das ist ein altes Nissan-Patent", zerschmetterte der Mann mein Mercedes-Bild. Bei Audi gibt es Highspeed-Internet über ein signalgünstig außenliegendes LTE-Antennenarray. Als mir dagegen Daimler letztes Jahr das nutzenfreie Facebook-Subsystem im traditionell braun-beigen Comand Online zeigte, wurde mir ganz anders. "Das ist ja noch gar nicht fertig!", entfuhr es mir. "Ja, wir arbeiten da noch dran", gab ein Entwickler zu. "Ah. Und wann ist Markteinführung?" "Äh. Wir verkaufen das schon."
Die S-Klasse ist also ein gutes Auto mit sehr gutem Marketing. Mir sei nur der kritische Einwand gestattet, dass ein dermaßen über Wert vermarktetes Produkt rufmäßig von seiner Substanz lebt. (cgl)