Klartext: Kritik des reinen Marketing

Die S-Klasse ist der Fahnenträger der Marke Mercedes-Benz, und deshalb wird sie besungen, als wäre sie der wiederauferstandene Christus. Business as usual. Das Marketing ist ja dafür da, diese Hymnen zu singen. Aber die Presse singt das selbe Lied, und deshalb möchte ich eine Gegenstimme sein

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Gutes Auto. Übertriebenes Marketing.
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Mit Interesse habe ich Daimlers Vermarktung der neuen S-Klasse verfolgt. Ganz nüchtern hätte ein bodenständiger Händler vielleicht gesagt: "Lieber Kunde, deine alte S-Klasse läuft aus, aber du könntest dich für die neue Version interessieren: gute Leasing-Konditionen für Flotten, noch besser staugeeigneter Abstandstempomat, effiziente und laufruhige Motoren, bessere Aerodynamik, viel Wellness, schau es dir an." Denn im Grunde gibt es nur zwei echte USPs: Es ist das erste Auto ohne Glühlampen, mit ausschließlich LED-Leuchten. Hm. Und in der V8-Version gibt es eine Stereokamera, aus deren Auswertung sich (tagsüber) das Fahrwerk einstellt. Ganz nett. Insgesamt sauberes Update eines bestehenden Modells. Aber das kann das Marketing nicht in die Broschüre schreiben. Die S-Klasse ist der Fahnenträger der Marke Mercedes-Benz, und deshalb wird sie besungen, als wäre sie der wiederauferstandene Christus. Business as usual. Das Marketing ist ja dafür da, diese Hymnen zu singen. Aber die Presse singt das selbe Lied, und deshalb möchte ich eine Gegenstimme sein. Wie die Ärzte singen: "Ich bin dagegen, denn ihr seid dafür."

"Vision erfüllt", lautet der Claim der S-Klasse, und weil "Vision" im Marketing ein frei belegbarer Platzhalterbegriff ist, führt Doktor Snugg... Zetsche genauer aus, was gedacht werden soll: "In jeder Dimension war unser Anspruch: Das Beste oder nichts." Wie gesagt, das soll erstmal nur gedacht werden, das ist Marketing. Selbst für eine Oberklasselimousine ist der Spruch des Doktors für den eigentlichen Maschinenbau sinnfrei. Eine S-Klasse mit bionisch gestalteten, CNC-gefrästen Magnesium-Schmiedefelgen und einer blattgoldbeschichteten Titankarosserie voller serienmäßig nackter Sklaven wäre bestimmt sehr schön, aber siebenstellig teuer. Ein Beispiel ist der erwähnte "Road Surface Scan" in Verbindung mit der "Magic Body Control": Eine Stereokamera erkennt ankommende Bodenwellen und stellt das Fahrwerk darauf ein. Das funktioniert nicht bei über 130 km/h, nicht bei schlechter Sicht, also auch vor allem nicht nachts, und es funktioniert nicht bei neuer, glatter Fahrbahn, weil deren Kontrast nicht ausreicht. "Das Beste oder nichts" hätte bedeuten müssen: Wir bauen das mit einem (teureren) Laserscanner. Daimlers Realpolitik dagegen ist "Wir bauen das, weil was Preiswertes verfügbar war", und das war in diesem Fall eben das Zulieferermodul mit der Stereokamera. Das es bald auch im Passat geben wird.

Klartext: Kritik des reinen Marketing (5 Bilder)

Gutes Auto. Übertriebenes Marketing.

(Bild: Bild: Mercedes)

Überhaupt lebt die S-Klasse längst von ihrer Markensubstanz, vom Ruf aus alten, besseren Zeiten. Das Selbstverständnis ist immer noch, Zitat: "Die S-Klasse ist nicht nur die technologische Speerspitze von Mercedes-Benz, sondern der automobilen Entwicklung schlechthin." Diesen Ruf gibt es tatsächlich noch, wie ich in den Testberichten lese. Allerdings sehe ich keine Rechtfertigung dafür in der Realität. Sowohl der 7er als auch ein A8 sind Daimlers Oberklasse technisch weit voraus.

BMW hat Headup-Displays von einer Spielerei zum Kaufgrund gemacht, Audi hat sich dort mittlerweile auf eine funktionale Augenhöhe herangesaugt, bei Daimler: Fehlanzeige. Bei einem Interview in Sindelfingen fragte ich einen Entwickler dort konkret danach. Antwort: "Wir schauen uns das an." Wie? Wie viele Jahre denn noch? Man kann diese Projektoren genauso kaufen wie eine Stereokamera, und die Schmach des Nachahmens ist nach all dieser Zeit doch wirklich auch vernachlässigbar.

Dann fragte ich nach Spracherkennung, eine Daimler-Domäne, wie ich dachte. "Ja, warten Sie da mal ab!", sagte der Herr. Ich wartete. Die S-Klasse kann jetzt One-Shot-Adresseingabe. Wow. Das gibt's aus Bayern auch erst seit ... ich erinnere mich gar nimmer. Schließlich die kleine Kaffeetasse, die Müdigkeitserinnerung. Wenigstens das ist doch Sicherheitstechnik, live und in Farbe aus Sindelfingen, oder? Nein: "Das ist ein altes Nissan-Patent", zerschmetterte der Mann mein Mercedes-Bild. Bei Audi gibt es Highspeed-Internet über ein signalgünstig außenliegendes LTE-Antennenarray. Als mir dagegen Daimler letztes Jahr das nutzenfreie Facebook-Subsystem im traditionell braun-beigen Comand Online zeigte, wurde mir ganz anders. "Das ist ja noch gar nicht fertig!", entfuhr es mir. "Ja, wir arbeiten da noch dran", gab ein Entwickler zu. "Ah. Und wann ist Markteinführung?" "Äh. Wir verkaufen das schon."

Die S-Klasse ist also ein gutes Auto mit sehr gutem Marketing. Mir sei nur der kritische Einwand gestattet, dass ein dermaßen über Wert vermarktetes Produkt rufmäßig von seiner Substanz lebt. (cgl)