Klartext: Im Kopf des Kampfradlers

Inhaltsverzeichnis

Diese Aussage ist für mich daher so interessant, weil ich tatsächlich jahrelang in einer deutschen Großstadt täglich mit dem Fahrrad gependelt bin und nichts davon bestätigen kann. Im Gegenteil. Das Fahrrad funktionierte so gut, dass mein Auto im monatelangen Nichtgebrauch verrottete. Schon damals fragten mich andere Radfahrer jedoch gern: „Ah, auch Radfahrer. Schlimm hier, oder?“ „Was? Nein! Super hier!“ „Ach komm, hör auf, die Autofahrer behandeln einen wie Abfall, nur weil man nicht auf dem Fahrradweg fährt …“ „Warum sollte ich nicht auf dem Fahrradweg fahren? Ich finde die Fahrradwege hier super. Da fahren zum Beispiel keine Autos drauf.“ Und so weiter. Er sah Autofahrer als Radlerjäger. Ich war eher dem einen oder anderen aufmerksamen PKW-Piloten dankbar, dass er mein Fahrrad ohne Licht im toten Winkel so gut erspäht hatte. Wir kamen auf keinen gemeinsamen Nenner. Ebenso finden sich unter den Kommentatoren zum Kampfradeln Fahrradfahrer, die im eigenen Pendelbetrieb nie die Probleme des Kampffahrers vorfinden.

Die wahrscheinlichste Erklärung für das Phänomen lautet also wahrscheinlich wie häufig im Leben: Wie du den Straßenverkehr erlebst, liegt hauptsächlich an deinem eigenen Verhalten. Wer mit der Sicherheit durch die Stadt radelt, dass ihn eh alle töten wollen, der fährt offenbar (bewusst oder unbewusst) so, dass sich diese These häufiger bestätigt. Wer entspannt durch die Stadt radelt, weil ja grundsätzlich fast alle fast immer jeden Unfall vermeiden wollen, der wird deutlich stressfreier auf der Arbeit ankommen.

Das Prinzip des vorangehenden Absatzes gilt natürlich prinzipiell auch für Autofahrer. Der Unterschied ist nur: Wenn ein Autofahrer auf aggro fährt und es passiert etwas, dann beschränkt sich dieses Etwas vor allem in der Stadt meistens auf einen Hauptschaden am Auto. Wer auf einem Einspurgefährt sitzt, verletzt sich dagegen hauptsächlich selber. Umso erstaunlicher, dass es eine relevante Anzahl von Menschen gibt, denen ihre Versehrtheit weniger wichtig scheint als im Beweis ihres Weltbilds die Schmerzen des Märtyrers zu erleiden.

Gerne hätte ich jetzt zum Schluss geschrieben: „Fahrt einmal im Pendelbetrieb der anderen Partei!“ Aber das bringt ja nichts. Viele Autofahrer fahren auch Fahrrad. Die meisten Radfahrer fahren auch Auto. Es ändert gar nichts an ihrer Wahrnehmung. Zumindest kann man den einen alten Tipp geben, der alle nervt, weil er meistens stimmt: Mach disch logger! Wenn gerade alle anderen Verkehrsteilnehmer deinen Tod zu wollen scheinen, dann bist du entweder ein Geheimagent in der Falle der größten Verschwörung seit Bestehen der BRD (unwahrscheinlich) oder ein Kampf(k)radler, der gerade allen auf die Nerven geht und dabei hauptsächlich sich selbst gefährdet. (cgl)