Klartext: Im Kopf des Kampfradlers

Für manchen Radfahrer scheint es das Höchste, wenn er endlich eine riskante Situation provoziert hat, über die er sich echauffieren kann. Dieser Satz wird wahrscheinlich provozieren. Ich halte ihn aber für wahr

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Klartext
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Inhaltsverzeichnis

Für manchen Radfahrer scheint es das Höchste, wenn er endlich eine riskante Situation provoziert hat, über die er sich echauffieren kann. Ja, mir ist vollkommen bewusst, wie quer manchem Leser dieser Satz im Hals stecken wird, ich habe sogar eine Probefahrt mit ebendieser Buchstabenfolge auf Facebook unternommen zur Messung des Querwinkels. Er beschreibt jedoch eine Wahrheit, die es nicht nur unter Radfahrern gibt, sondern auch unter Motorradfahrern. Was treibt diese Leute zu ihren extremen Auswüchsen des passiv Aggressivseins an?

Der Anlass zu diesem Text war meine Probefahrt im neuen E-Golf. Ich überholte einen Rennrad-Fahrer. Um ihm bestes Verhalten zu zeigen, ließ ich über drei Meter Abstand beim Überholen, beschleunigte nur langsam, und aufgrund des Elektroantriebs blies ihm der VW auch keine Abgase in seine Ansaugkanäle. Am nächsten Kreisverkehr dann staute sich der Autoverkehr, sodass der Radfahrer wieder aufschloss. Ich fuhr in den Kreisverkehr, blinkte rechts, schaute über die Schulter und blickte auf sich unter Elasthan und Polyamid deutlich abzeichnende Geschlechtsteile, denn der Radler wollte mich gerade rechts überholen, mit einem Abstand von etwa 30 Zentimetern. Ich bremste, aber er hatte auch schon gebremst, wahrscheinlich in Reaktion auf den Blinker. Überhaupt war alles zu spät: Er gestikulierte mir seinen fürchterlichen Ärger.

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Auf der Bultaco Brinco, einem E-Bike mit 1-kW-Motor. Die Autofahrer schienen mir alle sehr freundlich. (Bild: Bultaco)

Das war eng, ja. Es war eng, weil er von hinten bis auf fast Kontakt heranfuhr und dann im Kreisverkehr rechts ohne nennenwerten Abstand überholen wollte, obwohl in einem Kreisverkehr die Wahrscheinlichkeit, dass andere Verkehrsteilnehmer nach rechts abbiegen, bei etwa 100 Prozent liegt. Schon 20 cm mehr Abstand hätten seinen Schreck am Blinker vermieden. Ein einfaches Hinterherfahren oder links überholen hätte ihm eine zehntausendmal sicherere Route durch den Kreisverkehr erlaubt, die selbst im konservativen Fall nur zwei Meter gekostet hätte (vielleicht fuhr er ja auf Zeit). Er hatte eine haarige Situation provoziert. Ich hatte eine Berührung verhindert. Vielleicht hatte ihn auch gerade das so aufgeregt. Das Schlimmste fand ich an der Situation jedoch, dass dieser Mensch ganz sicher am Abend allen seinen Radfahrerfreunden erzählt, wie ihn heute wieder ein Autofahrer umbringen wollte.

Er erinnerte mich an einen Bekannten, der dasselbe Verhalten auf dem Motorrad zeigt. Er fährt gern sehr dicht auf Autofahrer auf. Wenn sie dann mit zu geringer Blinkzeit vorher abbiegen oder sonstwie sündigen, hupt er, wedelt mit der Faust, schimpft und das Höchste für ihn war immer, wenn er sich vor sie setzen konnte, um ihnen eine Standpauke zu halten über ihr asoziales Verhalten. Meistens hielt er diese Standpauke dann unsicheren Fahrern, denn ein Handelsvertreter macht durch beständige Übung einfach wenige Fahrfehler pro Streckeneinheit. Wenn wir später von den Maschinen stiegen, erzählte er uns seine Sicht der Dinge: „Habt ihr gesehen? Fast hätte sie mich umgebracht!“ Wir hatten es gesehen. Er hätte sich fast selbst, naja, wahrscheinlich nicht umgebracht, aber vielleicht wehgetan. Und die arme Frau hatte einen kleinen Fehler gemacht, der ihm nicht einmal aufgefallen wäre, wenn er nicht mit unter einem halben Meter Abstand hinter ihr wütende Schlangenlinien gefahren wäre wie eine fallobstberauschte Hornisse.

Den Satz vorher in den Facebook-Piranhatopf werfen hat sich als ergiebig herausgestellt. Es erinnerte mich an die alten Klassenausflüge im Usenet von de.rec.motorrad nach de.rec.fahrrad, wenn wir über Radwege oder Katzen trollten. Denn auf so einen Satz melden sich sofort Radfahrer, die (mit Variationen im Ausdruck) in etwa diesen Satz sagten: „Das kann ja nur ein Autofahrer schreiben. Wer je mit dem Fahrrad in einer Großstadt mal gependelt ist, weiß genau, dass Autofahrer einem ständig die Vorfahrt nehmen. Du bist als Radfahrer für die das Letzte.“

Diese Aussage ist für mich daher so interessant, weil ich tatsächlich jahrelang in einer deutschen Großstadt täglich mit dem Fahrrad gependelt bin und nichts davon bestätigen kann. Im Gegenteil. Das Fahrrad funktionierte so gut, dass mein Auto im monatelangen Nichtgebrauch verrottete. Schon damals fragten mich andere Radfahrer jedoch gern: „Ah, auch Radfahrer. Schlimm hier, oder?“ „Was? Nein! Super hier!“ „Ach komm, hör auf, die Autofahrer behandeln einen wie Abfall, nur weil man nicht auf dem Fahrradweg fährt …“ „Warum sollte ich nicht auf dem Fahrradweg fahren? Ich finde die Fahrradwege hier super. Da fahren zum Beispiel keine Autos drauf.“ Und so weiter. Er sah Autofahrer als Radlerjäger. Ich war eher dem einen oder anderen aufmerksamen PKW-Piloten dankbar, dass er mein Fahrrad ohne Licht im toten Winkel so gut erspäht hatte. Wir kamen auf keinen gemeinsamen Nenner. Ebenso finden sich unter den Kommentatoren zum Kampfradeln Fahrradfahrer, die im eigenen Pendelbetrieb nie die Probleme des Kampffahrers vorfinden.

Die wahrscheinlichste Erklärung für das Phänomen lautet also wahrscheinlich wie häufig im Leben: Wie du den Straßenverkehr erlebst, liegt hauptsächlich an deinem eigenen Verhalten. Wer mit der Sicherheit durch die Stadt radelt, dass ihn eh alle töten wollen, der fährt offenbar (bewusst oder unbewusst) so, dass sich diese These häufiger bestätigt. Wer entspannt durch die Stadt radelt, weil ja grundsätzlich fast alle fast immer jeden Unfall vermeiden wollen, der wird deutlich stressfreier auf der Arbeit ankommen.

Das Prinzip des vorangehenden Absatzes gilt natürlich prinzipiell auch für Autofahrer. Der Unterschied ist nur: Wenn ein Autofahrer auf aggro fährt und es passiert etwas, dann beschränkt sich dieses Etwas vor allem in der Stadt meistens auf einen Hauptschaden am Auto. Wer auf einem Einspurgefährt sitzt, verletzt sich dagegen hauptsächlich selber. Umso erstaunlicher, dass es eine relevante Anzahl von Menschen gibt, denen ihre Versehrtheit weniger wichtig scheint als im Beweis ihres Weltbilds die Schmerzen des Märtyrers zu erleiden.

Gerne hätte ich jetzt zum Schluss geschrieben: „Fahrt einmal im Pendelbetrieb der anderen Partei!“ Aber das bringt ja nichts. Viele Autofahrer fahren auch Fahrrad. Die meisten Radfahrer fahren auch Auto. Es ändert gar nichts an ihrer Wahrnehmung. Zumindest kann man den einen alten Tipp geben, der alle nervt, weil er meistens stimmt: Mach disch logger! Wenn gerade alle anderen Verkehrsteilnehmer deinen Tod zu wollen scheinen, dann bist du entweder ein Geheimagent in der Falle der größten Verschwörung seit Bestehen der BRD (unwahrscheinlich) oder ein Kampf(k)radler, der gerade allen auf die Nerven geht und dabei hauptsächlich sich selbst gefährdet. (cgl)