Volkssport Fernseh-Surfen

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"Was für eine Verschwendung", schimpft Pesce, "hier in Australien kann ich Sky One überhaupt nicht empfangen." An das Millionenheer der TV-Downloader werde so eine vollkommen unnütze Botschaft verteilt. "Wie wäre es", sinniert Pesce weiter, "wenn man diese kostbare Fläche stattdessen an einen Sponsor verkaufen würde? Etwa an einen internationalen Markenartikler?" Statt der ungewissen Aufmerksamkeit, die ein Spot in einer Werbeinsel genießt, wäre das Logo des Werbetreibenden permanent präsent. Den Vertrieb übernehmen dann die Zuschauer selbst, so wie sie es jetzt bereits tun.

Der Unterschied: Nach Pesces System wäre das nicht mehr illegal, sondern - im Gegenteil - hoch erwünscht. Jede Kopie in einer Filesharing-Börse, jede auf dem Schulhof getauschte DVD erhöht schließlich die Reichweite des Films. Ein interessanter Nebeneffekt: Die Pro-Kopf-Ausgaben des Sponsors sinken mit zunehmenden Zuschauerzahlen. Steigende Quoten bedeuten fallende Preise: verkehrte Welt. Auf der Strecke blieben allerdings die TV-Sender, die als Mittler zwischen Produzent und Publikum nicht mehr nötig wären.

Doch nicht alle Senderarten sind auf Einnahmen aus der Werbewirtschaft angewiesen. Öffentlich-rechtliche Sendeanstalten wie ARD und ZDF finanzieren sich vielmehr großteils über Steuern oder Gebührenzahlungen. Für sie wäre das Internet eigentlich das ideale Mittel, sich von der privaten Konkurrenz abzusetzen. Die BBC wagt sich auf diesem Weg bisher am weitesten vor: Ab September können sich 5000 britische Testhaushalte mit Hilfe einer Software namens "Interactive Media Player" (iMP) zunächst durch 190 Stunden BBC-Fernsehprogramm wühlen und damit so ziemlich alles machen, was ihnen einfällt: downloaden, auf DVD brennen oder auf ein tragbares Gerät überspielen. Die Briten haben die Zeichen der Zeit erkannt: "Die fundamentalen Veränderungen in der Musikindustrie haben uns gezeigt, dass die Leute gern konsumieren, was sie wollen, wie sie wollen und wann sie wollen", sagt Ashley Highfield, BBC-Direktor für neue Medien und Technologien.

In den USA produziert das öffentlich-rechtliche Sendernetzwerk PBS mit "Nerd TV" gleich eine ganze Sendereihe zum Herunterladen. Von solcher Innovationsfreude sind die gebührenfinanzierten Sender in Deutschland noch weit entfernt: Das ZDF spricht von "rechtlichen Problemen", die sich selbst bei Eigenproduktionen ergäben, und die ARD verweist auf den "Auftrag des Gesetzgebers", der das Internet lediglich als "programmbegleitende Maßnahme" erlaube.

TV-Hit ohne TV

Derweil hat das Internet erst kürzlich bewiesen, dass das klassische Fernsehen nicht mehr nötig ist, um eine Fernsehserie populär zu machen: Den Pilotfilm zur Comic-Verfilmung "Global Frequency", einer Mischung aus "Alias", "Mission: Impossible" und "Akte X", hatten die Warner Brother Studios bereits im Herbst 2004 produzieren lassen. Offenbar gefiel das Ergebnis den Entscheidern aber nicht, denn die Episode landete ungesendet im Archiv. Auf wundersame Weise fand sie von dort im Juni dieses Jahres ihren Weg ins Internet - und wurde zum wahrscheinlich ersten TV-Hit, der nie im TV lief. Fan- Sites sprossen aus dem Web, und Drehbuchautor John Rogers erhielt Hunderte von begeisterten E-Mails. In seinem Blog schreibt er: "Ich fluche und schimpfe darüber, wie diese emergente Technologie die Entertainment-Industrie verändert, ohne dass jemand einen Vorteil daraus zieht." Derzeit befindet sich Rogers in Gesprächen mit den zuständigen Produzenten bei Warner Brothers. Die Chancen, dass die Fan-Kampagne aus dem Netz die Fernsehdirektoren umstimmen könnte, schätzt er allerdings als "sehr, sehr klein" ein.

Wenn "Galactica" wirklich den Todeszeitpunkt des alten Fernsehmodells markiert, steht die Geschichte von "Global Frequency" zwar noch lange nicht fĂĽr die Geburtsstunde eines neuen TV-Systems, zumindest aber wohl fĂĽr einen positiven Schwangerschaftstest.

(Entnommen aus Technology Review Nr. 9/2005; das Heft können Sie hier bestellen.) (wst)