Missing Link: "Wir brauchen einen Internet-Effekt für die Energiewirtschaft"
Seite 5: Interkonnektivät – "ohne jahrelange Kaffeekränzchen"
Was könnte man alles mit den Netzdaten machen, etwa im Bereich Forschung?
Das, was wir da bauen, ist ja skalierbar. Ich kann also die Logik dieser Software, mit der wir das gesamte Übertragungsnetz steuern, runterbrechen auf die Verteilnetze und auf Micro-Grids bis zum Wohnhaus. Das können wir aber nicht allein machen. Wir müssen erst die Grundlagen schaffen und zeigen, wir steuern damit das große Netz. Da kommen Universitäten und kleinere Firmen ins Spiel, die den Open-Source-Stack dann anpassen für den Einsatz in kleineren Zellen. Ein Lehrstuhl an der TU Dresden denkt etwa bereits darüber nach, wie zelluläre Systeme funktionieren können.
Wenn wir zeigen, dass wir nicht mehr diese Blackbox sind und nur noch auf den Daten sitzen, wird hoffentlich ganz viel Innovation passieren. Wir werden auch Geschwindigkeit gewinnen, denn solche Sachen müssen ja dezentral entwickelt werden. Wieder einmal ist Linux das große Vorbild: man kann damit Geld verdienen. In unserem Fall kann sich jemand etwa auf die ganzen Micro-Grids spezialisieren, womit wir zugleich die Interkonnektivät hinkriegen, ohne jahrelang in Kaffeekränzchen zu sitzen.
"Energiesystem als Ganzes denken"
Welchen konkreten Vorteil bietet das dann für die Cybersicherheit?
Da kommen wirklich Leute, die behaupten, wenn es Open Source ist, ist es nicht sicher. Die haben noch nicht begriffen, dass Software mit offenem Quellcode sicherer gemacht werden kann als Closed Source. Da ist noch ganz viel Aufklärungsarbeit nötig. Zudem ist klar, dass wir weg müssen von einem Verständnis von IT-Security, das nur auf bestimmte Parameter abzielt. Dies gilt vor allem für das Energiesystem. Da brauchen wir auf jeden Fall Zero Trust.
Wieso soll man hier niemand mehr trauen können?
Was hilft es denn, wenn wir unsere Umspannwerke mit einem großem Zaun umgeben – im übertragenen Sinne mit einem virtuellen nebst Firewall und Air Gap –, aber der Angreifer geht auf eine Sicherheitslücke in Wechselrichtern, die 40 Prozent der Solaranlagen betreiben, und schaltet die alle auf einmal aus. Wir müssen also an die Enden der Energiesysteme denken, wo die Erzeugung stattfindet. Das sind halt nicht mehr nur RWE und EnBW, sondern auch die Bauern mit der Solarscheune. Sprich: Wir müssen das Energiesystem als Ganzes denken und eine gemeinsame, offene Architektur schaffen. Und die können wir nicht vorschreiben. Deswegen müssen wir in Vorleistung treten und die einfach mal hinstellen.
Im zweiten Teil des Interviews, das demnächst als "Missing Link" erscheint, geht es unter anderem um die Belastbarkeit der Energieversorgung durch neue Erzeuger im Heimbereich, mögliche Blackouts im Winter und Ladekapazitäten für die E-Mobilität. (bme)