Missing Link: "Wir brauchen einen Internet-Effekt fĂĽr die Energiewirtschaft"

Seite 3: "Public Money, Public Code"

Inhaltsverzeichnis

Was folgt technisch eine Ebene höher?

Jetzt haben wir die Cloud-Native-Umgebung. Obendrauf wird Applikationssoftware benötigt. Dort bauen wir ein Scada-System zur industriellen Steuerung oder zumindest einen Teil davon, also quasi die eigentliche IoT-Plattform. Die Traditionalisten in der Branche sehen das natürlich anders und sagen, ausschließlich sie können so ein Scada-System bauen. Das ist aber keine Raketenwissenschaft. Deswegen machen wir das selbst. Wir werden auch diesen Teil als Open Source veröffentlichen.

Es geht also um den Ansatz "Public Money, Public Code"?

Ja. So ist es. Unsere Ideen haben wir bereits mit anderen Netzbetreibern besprochen, in der EU sowieso, aber etwa auch Brasilianer kamen schon deswegen auf uns zu. Auch Universitäten sollen das nutzen können, sodass Studierende damit experimentieren können. Heute ist der Zustand: es gibt wenige, die das alles in Closed Source machen mit einer monolithischen Client-Server-Architektur. Wir bauen das viel flexibler für die Cloud. Ein Software-Upgrade eines Systems dauert bei den Traditionalisten anderthalb Jahre und mehrere Millionen Euro. Bei uns wird das viel schneller und günstiger gehen.

Jetzt sind wir aber noch nicht ganz oben angekommen?

Nein. Das Gleiche werden wir tun für die Systemführung, also für das Ausbalancieren eines Stromnetzes. Oder im Bereich Offshore-Wind: Dafür sind ebenfalls Umspannplattformen nötig, die den Strom von den Windfarmen einsammeln, transformieren und an Land bringen. Die stehen in der Ost- und Nordsee. Dort herrschen andere Anforderungen. Man muss darauf achten: wie ist das Klima dort, was ist mit Wind und Welle. Dafür werden wir die gleiche Grundplattform nehmen. Nur dass sie dann nicht nur Volt oder Ampere misst, sondern etwa Temperaturen. Zudem könnte sie die Klimaanlage und den Brandschutz steuern.

Da lassen sich also Synergien nutzen?

Genau, auch das ist ja eine IoT-Plattform. Wir erhöhen also die Wiederverwendbarkeit von Komponenten, um andere Betriebsanlagen zu steuern. Da wird es teils auch Closed-Source geben. Das werden wir aber so integrieren, dass alle Bestandteile auf einer Datenplattform sind. Die allgemeinen Anforderungen sind dafür immer offene Programmierschnittstellen und Open Data.

Dazu fĂĽhren wir eine aufreibende Diskussion mit der Industrie, denn die groĂźen AusrĂĽster wollen ihre Daten nicht herausgeben. Die sagen: das sind unsere Ressourcen. Wir erwidern, wir wollen die Datenmodelle verstehen und direkt rankommen. Denn nur, wenn du perspektivisch diese ganzen Messwerte und Informationen verknĂĽpfst, kommst du voran.

Das Datenteilen soll kĂĽnftig in der EU ja auch vorgeschrieben werden.

Was wir vorausdenken, wird sowieso durchgesetzt werden mit dem Data Act. Das ist genau richtig, denn die Lieferanten sollen mit Daten kein Geld verdienen. Wir selbst versuchen, etwa mit dem Portal netztransparenz.de so viele Daten wie möglich in die Öffentlichkeit zu bringen. Wir haben jüngst einen Hackathon veranstaltet in Berlin, da haben wir unsere Datenpipes soweit wie möglich geöffnet. Das ist für uns eher ein technisches Thema: Wir sitzen auf diversen Altsystemen, die sich nicht von heut auf morgen abschalten lassen. Da ist es halt nicht so einfach. Deswegen auch die Idee mit der Plattform.

Warum bauen 50Hertz und die Elia Group nicht einfach auf Gaia-X? Die europäische Cloud-Initiative geht ja in eine ähnliche Richtung.

Wir sind Mitglied bei Gaia-X und ich hatte große Hoffnung darauf gesetzt. Doch dort wird zu viel Papier und zu wenig Software produziert. Und wenn man runterguckt in den Stack: die adressieren nicht das Problem, das für uns ganz am Anfang stand. Was ist denn unser europäischer Cloud-Native-Stack? Das kann ja nicht einfach Azure von Microsoft sein. Jetzt sagt Gaia-X: Nein, nein, wir haben ja noch eine Abstraktionsschicht oben drüber, deswegen geht das schon. Das löst aber nicht unser Problem, deswegen machen wir den Stack bis ganz runter und werden ihn einfach frei herausgeben. Wir können also nicht auf Gaia-X warten.

Zeichnen sich da nicht gerade konkrete Lösungen ab?

In diesen Standardisierungsgremien geht es auch um ganz eigene Agenden von beteiligten Unternehmen. Da passiert zu wenig am eigentlichen Inhalt. Konkret: Ich habe als junger Mensch an Linux mit rumgefummelt. Wie ist das entstanden? Erst gab es Unix, dann Minix: Das war schon ganz schön, aber konnte halt nicht so viel wie etwa das kommerzielle Santa Cruz Unix. Unsere Idee war, können wir nicht sowas selber machen? Linus Torvalds hat damit angefangen. In Deutschland gab es eine Szene, die sehr früh dabei war. Die Beteiligten haben einfach Software gebaut, und nicht über Standards geredet. Genau das machen wir bei der Elia Digital Platform (EDP).

So heißt die geplante offene Lösung?

Mein Traum wäre, dass EDP einmal für "Europäische Digitalplattform" steht. Das wird sich aber von selbst ergeben. Wenn wir gut sind, werden da Leute draufspringen und das verwenden. Dazu braucht es kein riesiges Standardisierungsgremium. Wir machen den Internetansatz. Bei den dortigen Requests for Comments (RCFs) haben auch ein, zwei Dudes einfach was aufgeschrieben oder gebaut und dann überlegt, wie kann man das kommunizieren, kommentieren und standardisieren.