Missing Link: Telematische Infrastruktur – die abgespahnte Seite des Systems

Seite 2: Arbeit an die Ärzte delegiert

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(Bild: Shutterstock/BlurryMe)

Die elektronische Gesundheitskarte der ersten Generation wurde ab Oktober 2011 ausgegeben, an der telematischen Infrastruktur wird seit Juni 2016 hart gearbeitet. Der Charakter der Projektgesellschaft hat sich gründlich geändert. Unter Gesundheitsminister Jens Spahn wurde das Ministerium selbst Gematik-Mitglied und erhielt ein Stimmrecht von 51 Prozent, mit dem es sich gegen die Ansichten von Ärzten, Apothekern und des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen durchsetzen kann. Auch von der ursprünglichen Idee einer Chipkarte für Rezepte und den Medikationsplan und von der AMTS-Prüfung verabschiedete man sich recht schnell. Bis heute sorgt die eGK nur für den Nachweis, dass eine Person versichert ist.

Die Prüfung der Stammdaten und des Versichertenstatus ist von den Krankenkassen an die Ärzte und Zahnärzte delegiert worden, die zur tagesaktuellen Prüfung an die telematische Infrastruktur angeschlossen sein müssen. "Früher konnte es mir egal sein, ob die eGK gültig war oder nicht, bezahlt wurde ich vereinbarungsgemäß trotzdem. Heute müssen meine Angestellten und ich unbezahlt die Arbeit der Krankenkasse leisten, nämlich den Patienten auf eine ungültige Karte hinweisen, ihm eine Privatrechnung androhen für den Fall, dass die Karte nicht kommt bzw. von vorneherein die Behandlung einschränken. Das macht keinen Spaß", so ein Arzt gegenüber heise online.

Für wenig Spaß, dafür verbunden mit einigem Ärger, sorgte im Mai 2020 ein Ausfall von rund 80.000 der "Konnektoren" genannten VPN-Router in Praxen und Krankenhäusern nach einem Zertifikatsfehler. Der Fehler, ein falscher Eintrag in der Trust-Service Status List der Konnektoren, wurde zwar schnell gefunden und mit Hilfe einer neuen TSL-Datei behoben, doch waren die ausgefallenen Konnektoren ja offline: Techniker mussten in die Praxen fahren und die Datei einspielen, und das in Zeiten der Coronakrise. Die Reparatur dauerte insgesamt mehr als acht Wochen. Die Ausfälle führten dazu, dass Krankenkassen einige Praxen sanktionierten, weil sie den Stammdatenabgleich der Versichertendaten nicht durchführten. "Es wäre sinnvoller gewesen, wenn Politik und Selbstverwaltung gerade in Corona-Zeiten angesichts der Mehrbelastungen der Praxen das strikte TI-Zeit- und -Sanktionsregime gelockert hätten", erklärte Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Virchowbundes in einem Interview.

Hinzu kommt aktuell, dass seit Mitte September die Software-Updates angelaufen sind, mit denen die Konnektoren als sogenannte eHealth-Konnektoren fit gemacht werden. Nur mit solchen eHealth-Konnektoren können Ärzte die anstehenden Neuerungen wie das elektronische Rezept oder die Arzt-zu-Arzt-Kommunikation nutzen. Ohne eHealth-Konnektor kann die VAU nicht betreten werden, die "vertrauenswürdige Ausführungsumgebung" der TI, in der die Rezepte gespeichert werden. Viele Ärzte befürchten, dass sie auf den Kosten der Updates durch den IT-Dienstleister sitzen bleiben, wenn das Update Probleme macht.

Natürlich hat auch der Umgang mit Corona Einfluss auf die aktuelle Stimmungslage. Nach einer Untersuchung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung über "Besondere Kosten im Praxismanagement" (PDF-Datei) mit 1900 Vertragsarzt-Praxen als Teilnehmer musste jede Praxis im Durchschnitt 1.300 Euro für persönliche Schutzausrüstungen und Hygienemaßnahmen zum Infektionsschutz aufwenden.

In 90 Prozent aller Praxen wurden die Arbeitsabläufe verändert. In einem Drittel der befragten Praxen wurden die Arbeitszeiten des Praxispersonals reduziert, während in allen befragten Praxen die Arbeitszeit der Ärzte um durchschnittlich zwei Stunden anstieg. Gleichzeitig kamen im Mittel 20 Prozent weniger Versicherte in die Praxen, während die Aufwendungen für das Terminmanagement dieser Patienten stiegen. Das solche Zahlen nicht die Stimmung bessern können, liegt auf der Hand.