Missing Link: Nützes Gedöns (II.) – Tastentier lernt sprechen
Seite 2: Je teurer desto Papier
Meine Begleitung sagte auf dem Weg zu unseren Sitzplätzen, sie nutze auch Online-Tickets, zum Beispiel fürs Zugfahren. Aber wenn sie einen Flug buche, sei ihr das noch nicht geheuer, dann würde sie das Ticket lieber ausdrucken. Schließlich könnte beim Check-in der Akku leer sein.
Ich pendle seit gut zehn Jahren zwischen Bremen und Hannover und beobachte seitdem, wie sich das Online-Ticket immer mehr durchsetzt. Immer mehr Mitfahrer zeigen dabei nicht mehr einen Zettel vor, sondern ihr Handy. Noch nicht unterkommen ist mir bisher, dass jemand dem Schaffner seine Uhr hinhält.
"Und wofĂĽr brauchst Du Deine Uhr sonst noch so?" fragte meine Begleitung.
"Na ja, ich muss sie nicht bei jedem Brummen herausrupfen", setzte ich zu meiner Litanei an, die endete mit "… und ich kann halt Tickets vorzeigen. Äh, wenn es denn angenommen wird. Außerdem zählt die Uhr meine Schritte mit."
"Deine Uhr zählt dauernd Deine Schritte mit?" fragte meine Begleitung mit erhobenen Augenbrauen.
"Ja, und sie ĂĽberprĂĽft zum Beispiel auch den ganzen Tag lang den Puls."
"Hm, das wäre mir unheimlich. Fühlst Du Dich da nicht überwacht?"
Wie ein Patient auf der Intensivstation, verdrahtet, damit Mediziner und Pflegepersonal jederzeit eingreifen können, wenn der Zustand kritisch wird, sinnierte ich vor mich hin, während Werbung die Leinwand beflimmerte. Mit den Unterschieden, dass es mir recht gut geht und dass meine Vitalfunktionen und Aktivitäten von einem großen Bruder am anderen Ende des Ozeans ständig protokolliert und gespeichert werden. Ein wachsender Datenschatz, den IT-Unternehmen, Versicherer und was weiß ich noch wer heben wollen. Ein weites Themenfeld in einem schummrigen Kinosaal.
(Bild:Â heise online / anw)
In solchen Gedankengängen erscheint ein heimlicher Schrittzähler um so bedenklicher. Ich gestehe aber, als ich ihn in flagranti erwischt habe, suchte ich ihn nicht abzuschalten, sondern war seitdem eher bestrebt, meinen Tagesdurchschnitt hochzutreiben. Zunächst überschritt ich die 8000er- und schließlich die 10.000er-Marke. Derweil trieb ich mein tägliches Pensum auf dem Rudergerät von 20 auf zwischenzeitlich über 40 Minuten. Das hielt ich aber nur drei Monate durch, mittlerweile rudere ich wieder schmaler. Sonst würde ich langsam zu nichts anderem mehr kommen.
"Ach so", sagte ich, während sich der Vorhang nach der Werbung zur sporadischen Verköstigungspause zuzog, "ich kann auch Notizen auf die Uhr sprechen."
"Du sprichst mit Deiner Uhr?"
"Nein – also, ja, ich könnte Siri nach Dingen fragen oder ihr etwas anweisen. Aber das mache ich nicht so häufig. Praktischer finde ich es, Ideen festzuhalten."
Früher war ich Maschinen gegenüber eher maulfaul. Das fing schon damit an, den ersten eigenen Anrufbeantworter zu bestottern, und reichte bis hinüber zur selten genutzten Option, per Sprachbefehl Computer- oder Smartphoneaktionen auszulösen. Ich würde mich als tastenorientierten Menschen bezeichnen, seitdem ich das Zehnfingersystem gelernt hatte und mir am Rechner diverse Tastenkürzel einprägte, um möglichst wenig zur Maus beziehungsweise auf das Trackpad greifen zu müssen. Eine Art ergonomischer Selbstoptimierung.
Uhr raus zum Diktat
Auf dem ersten Spaziergang mit der neuen Uhr – Schritte! – änderte sich das zumindest ein wenig. Apple selbst hat zwar seiner App "Notizen" keine Diktierfunktion spendiert, aber es gibt Software wie Evernote, die Gesprochenes in Geschriebenes umwandelt. Seinerzeit fing ich an, meine Erfahrungen mit der Uhr auf ihr selbst festzuhalten, zu allererst auf diesem Spaziergang. Ausprobiert habe ich es auch an einem fortgeschrittenen Abend auf der Toilette meiner Stammkneipe, in der bekanntlich die meisten wirklich weltbewegenden Ideen entstehen, aber ebenso schnell abhanden kommen wie die Notdurft.
Ein Teil der unterwegs auf die Uhr gesprochenen Gedankenschnipsel ist in diesen Text eingeflossen – sofern ich sie rekonstruieren konnte, denn die Spracherkennung verschriftet gerne mal nach eigenem Gusto. Vielleicht würde dieser Text rund, wenn ich wüsste, was Evernote mir hiermit sagen will: "Stehstunden wären wir viel Frisuren Frisuren."
Indessen endete die Pause, in der wie schon seit Jahren kein Eiskonfekt gereicht wurde. Es lüftete sich der Vorhang und nach einer sphärischen Eröffnung betrat Ryan Gosling die Leinwand.
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