Missing Link: Nützes Gedöns (II.) – Tastentier lernt sprechen
Monatelang grübelte Redakteur Andreas Wilkens, ob er sich eine Apple Watch zulegen soll. Vor einem Jahr kaufte er sich eine. Bereut hat er das nicht.
Wie praktisch – ein Online-Ticket am Handgelenk.
(Bild: heise online / anw)
"Moment, da muss ich erst den Scanner holen", sagte die Einlasskontrolleurin. Früher wurden Menschen mit solcher Aufgabe Kartenabreißer genannt, aber neuerdings bietet mein Lieblingskino an, Eintrittskarten auch online zu kaufen, daher neige ich nun zu einer weiter gefassten Tätigkeitsbeschreibung. Sämtliche Filmfreunde, die vor uns ins Kino strebten, zeigten an diesem Abend ein Papierticket vor; dann kam ich dran, schob den Ärmel hoch, tippte und wischte an meinem Handgelenk herum und ließ auf der Smartwatch einen QR-Code aufscheinen.
Ja, ich habe mir eine Apple Watch gekauft, also meine Bedenken vom November 2016 in Erwägungen verwandelt, in ein Vorhaben umgemünzt, dann in einen Plan und schließlich in die Tat. In dem Herbst schlich ich noch im Elektromarkt um die Uhr herum, in dem darauffolgenden Winter erschloss ich mir Youtube. Das hatte ich bis dahin als Kind des seriellen Fernsehens nur rudimentär benutzt, bewegte Bilder am Rechner zu schauen war nicht so meine Sache, aber ungefähr zu der Zeit hatte ich mir mein erstes Smart-TV zugelegt, auf dem Youtube vorinstalliert war. So eröffnete sich mir die Welt der mehr oder weniger professionellen Unboxing-, Rezensions- und Erfahrungsberichtsfilmchen, in die ich drei Abende lang eintauchte. Aus der Parallelwelt wieder hervorgekommen war der Entschluss gereift, mir ein verspätetes Weihnachtsgeschenk zu gönnen. So lautete meine offizielle Selbstrechtfertigung und wenn die nicht fruchtete, könnte ich mich immer noch damit beschwichtigen, dass es für meinen Beruf nicht abträglich ist, auch in gadgetlicher Hinsicht neue Wege zu beschreiten.
So trage ich nun die Uhr spazieren und wollte mit ihrer Hilfe an diesem Abend eingelassen werden. Die Kontrolleurin war aber darauf offenbar nicht gefasst und ließ die Schlange erst einmal weiter warten, um den Scanner zu holen. Nach etwa anderthalb Minuten, in denen hinter uns langsam Murren aufkam, kehrte die Frau zurück und hielt den Scanner über die Uhr. Ich tippte und wischte an meinem Handgelenk, bis der QR-Code wieder sichtbar wurde. Es mag noch eine weitere Minute vergangen sein, in der nicht nur lauter gemurrt wurde, sondern auch jeglicher Scanversuch vergeblich, bis die Kontrolleurin sagte: "Das funktioniert nicht. Am besten gehen Sie zur Kasse, um das zu klären."
Auch gut, dann würde mein Schrittzähler ein klein wenig zu tun haben. Der summiert seit November 2014 in meinem iPhone dauernd vor sich hin, zunächst heimlich, bis ich mich irgendwann einmal intensiver mit der App "Health" beschäftigte und sah, wie viel ich seit etwa vier Monaten abgelatscht hatte; im Tagesdurchschnitt 7124 Schritte.
Gesund sollen wir sein
Mittlerweile erledigt die Apple Watch den Zähljob im Duett mit dem iPhone und ich habe mir eingebürgert, öfters nachzuschauen, wie viele Schritte ich an einem Tag bereits absolviert habe. Um ehrlich zu sein, mitunter mehr als täglich. Ganz im Sinne Apples, das mich durch seine Uhr gesünder machen will. Zum Tagesabschluss auf dem Sofa sagt mir die Firma, wenn ich noch X Minuten spazieren ginge, könnte ich den Bewegungsring schließen. Und wenn ich will, erinnern mich die Cupertiner daran, ab und zu mal zu atmen.
An der Kinokasse schilderte ich das Einlassproblem. Ich sollte meine E-Mail-Adresse oder meine Reservierungsnummer nennen und bekam zwei Abriss-Eintrittskarten für meine Begleitung und mich. Am Einlass hatte sich die Warteschlange inzwischen aufgelöst, sodass wir die Karten umstandslos vorzeigen und abreißen lassen konnten.
Vermutlich werden sich solche Komplikationen wie in dem Kino mit der Zeit erledigen. Falls es so kommt, würde einer der Faktoren meiner Kaufentscheidung vollends zum Tragen kommen. Nämlich der, das iPhone dort lassen zu können, wo es steckt; winters in der Tiefe der Mantelinnentasche, sommers im Umhängebeutel, wenn eine Whatsapp-Nachricht, eine E-Mail oder eine Message hereintrudelt, um die Musik zu pausieren, Kalendereinträge zu überprüfen und Erinnerungen vibrieren zu lassen, die Temperatur abzulesen und das Wetter vorherzusehen, Shazam zu starten und den DB Navigator Verspätungen verkünden zu lassen; um einfach mal nach der Uhrzeit zu schauen – zumal es nach meinem Eindruck im Straßenbild immer weniger Uhren gibt – oder eben um das Online-Ticket vorzuzeigen.
Je teurer desto Papier
Meine Begleitung sagte auf dem Weg zu unseren Sitzplätzen, sie nutze auch Online-Tickets, zum Beispiel fürs Zugfahren. Aber wenn sie einen Flug buche, sei ihr das noch nicht geheuer, dann würde sie das Ticket lieber ausdrucken. Schließlich könnte beim Check-in der Akku leer sein.
Ich pendle seit gut zehn Jahren zwischen Bremen und Hannover und beobachte seitdem, wie sich das Online-Ticket immer mehr durchsetzt. Immer mehr Mitfahrer zeigen dabei nicht mehr einen Zettel vor, sondern ihr Handy. Noch nicht unterkommen ist mir bisher, dass jemand dem Schaffner seine Uhr hinhält.
"Und wofür brauchst Du Deine Uhr sonst noch so?" fragte meine Begleitung.
"Na ja, ich muss sie nicht bei jedem Brummen herausrupfen", setzte ich zu meiner Litanei an, die endete mit "… und ich kann halt Tickets vorzeigen. Äh, wenn es denn angenommen wird. Außerdem zählt die Uhr meine Schritte mit."
"Deine Uhr zählt dauernd Deine Schritte mit?" fragte meine Begleitung mit erhobenen Augenbrauen.
"Ja, und sie überprüft zum Beispiel auch den ganzen Tag lang den Puls."
"Hm, das wäre mir unheimlich. Fühlst Du Dich da nicht überwacht?"
Wie ein Patient auf der Intensivstation, verdrahtet, damit Mediziner und Pflegepersonal jederzeit eingreifen können, wenn der Zustand kritisch wird, sinnierte ich vor mich hin, während Werbung die Leinwand beflimmerte. Mit den Unterschieden, dass es mir recht gut geht und dass meine Vitalfunktionen und Aktivitäten von einem großen Bruder am anderen Ende des Ozeans ständig protokolliert und gespeichert werden. Ein wachsender Datenschatz, den IT-Unternehmen, Versicherer und was weiß ich noch wer heben wollen. Ein weites Themenfeld in einem schummrigen Kinosaal.
(Bild: heise online / anw)
In solchen Gedankengängen erscheint ein heimlicher Schrittzähler um so bedenklicher. Ich gestehe aber, als ich ihn in flagranti erwischt habe, suchte ich ihn nicht abzuschalten, sondern war seitdem eher bestrebt, meinen Tagesdurchschnitt hochzutreiben. Zunächst überschritt ich die 8000er- und schließlich die 10.000er-Marke. Derweil trieb ich mein tägliches Pensum auf dem Rudergerät von 20 auf zwischenzeitlich über 40 Minuten. Das hielt ich aber nur drei Monate durch, mittlerweile rudere ich wieder schmaler. Sonst würde ich langsam zu nichts anderem mehr kommen.
"Ach so", sagte ich, während sich der Vorhang nach der Werbung zur sporadischen Verköstigungspause zuzog, "ich kann auch Notizen auf die Uhr sprechen."
"Du sprichst mit Deiner Uhr?"
"Nein – also, ja, ich könnte Siri nach Dingen fragen oder ihr etwas anweisen. Aber das mache ich nicht so häufig. Praktischer finde ich es, Ideen festzuhalten."
Früher war ich Maschinen gegenüber eher maulfaul. Das fing schon damit an, den ersten eigenen Anrufbeantworter zu bestottern, und reichte bis hinüber zur selten genutzten Option, per Sprachbefehl Computer- oder Smartphoneaktionen auszulösen. Ich würde mich als tastenorientierten Menschen bezeichnen, seitdem ich das Zehnfingersystem gelernt hatte und mir am Rechner diverse Tastenkürzel einprägte, um möglichst wenig zur Maus beziehungsweise auf das Trackpad greifen zu müssen. Eine Art ergonomischer Selbstoptimierung.
Uhr raus zum Diktat
Auf dem ersten Spaziergang mit der neuen Uhr – Schritte! – änderte sich das zumindest ein wenig. Apple selbst hat zwar seiner App "Notizen" keine Diktierfunktion spendiert, aber es gibt Software wie Evernote, die Gesprochenes in Geschriebenes umwandelt. Seinerzeit fing ich an, meine Erfahrungen mit der Uhr auf ihr selbst festzuhalten, zu allererst auf diesem Spaziergang. Ausprobiert habe ich es auch an einem fortgeschrittenen Abend auf der Toilette meiner Stammkneipe, in der bekanntlich die meisten wirklich weltbewegenden Ideen entstehen, aber ebenso schnell abhanden kommen wie die Notdurft.
Ein Teil der unterwegs auf die Uhr gesprochenen Gedankenschnipsel ist in diesen Text eingeflossen – sofern ich sie rekonstruieren konnte, denn die Spracherkennung verschriftet gerne mal nach eigenem Gusto. Vielleicht würde dieser Text rund, wenn ich wüsste, was Evernote mir hiermit sagen will: "Stehstunden wären wir viel Frisuren Frisuren."
Indessen endete die Pause, in der wie schon seit Jahren kein Eiskonfekt gereicht wurde. Es lüftete sich der Vorhang und nach einer sphärischen Eröffnung betrat Ryan Gosling die Leinwand.
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