Glasfaserausbau: Harte Bandagen im Kampf um die Kunden​
Seite 3: Die Zukunft: Europas Champions League
(Bild:Â heise online/vbr)
Um zu verstehen, warum dieser Streit so erbittert geführt wird, ist ein Blick auf die Marktsituation hilfreich. Bislang ist das xDSL-Geschäft ein Gewinnbringer für die Deutsche Telekom. Doch das Kupfernetz wird den nächsten Geschwindigkeitsschritt nicht mehr mitgehen können. Auch wenn es eigentlich bereits refinanziert ist: Sobald ein relevanter Anteil Kunden zu Glasfaseranschlüssen gewechselt ist, lohnt sich der Betrieb eines parallelen Kupfernetzes kaum mehr.
In Deutschland ist selbst in vielen Großstädten die reale Glasfaser-Ausbauquote schlecht. Knapp 70 Prozent der Haushalte gehen noch über einen von der Telekom kontrollierten Kupferanschluss ins Netz. Telekom-Chef Timotheus Höttges will seinen Marktanteil halten und auf die Glasfaserinfrastruktur mitnehmen. Doch von den knapp 20 Millionen "Homes Passed", die laut Bundesverband Breitbandkommunikation (Breko) mit Glasfaser erschlossen wurden, sind nur knapp 40 Prozent von der Telekom. Deshalb treibt die Telekom ihren eigenen Ausbau weiter voran.
Anders als die Konkurrenz kann die Telekom das aus laufenden Einnahmen vorfinanzieren. Denn die vielen Kunden auf der abgeschriebenen DSL-Infrastruktur ermöglichen der Telekom eine allmähliche Migration. Während die Konkurrenten zeitnah Kunden gewinnen müssen, um ihr Geschäftsmodell betreiben zu können, hat Tim Höttges Zeit. Und die meisten heutigen Anwendungen kommen mit bisherigen Kapazitäten ebenfalls aus.
Abschalten nicht vergessen
Deshalb fordern die Wettbewerber einen klaren Fahrplan, wann und wie das alte Kupferzugangsnetz der Bundespost ganz abgeschaltet werden soll. Der Breko wirft Politik und Regulier vor, auf Zeit zu spielen, "was für uns den Verdacht erhärtet, dass hier bewusst die Interessen der Deutschen Telekom geschützt werden sollen – einem Unternehmen, an dem der Bund übrigens nach wie vor mehr als 30 Prozent der Anteile hält." Das Digitalministerium hält von solchen Vorwürfen erwartbar wenig. "Bei wettbewerbswidrigen Verhaltensweisen bestehen schon jetzt gesetzliche Grundlagen, die ein Eingreifen der Wettbewerbsbehörden ermöglichen", sagt ein Sprecher. Doppelausbau sei nicht per se problematisch und die meisten Fälle würden sich am Markt regeln.
Darüber hinaus fordern die Wettbewerber, dass die Telekom und ihre Töchter die Ausbauplanung bei der Bundesnetzagentur hinterlegen müssen. Damit erhoffen sich die anderen Anbieter eine Nachweismöglichkeit, sollte die Telekom gezielt die Ausbauvorhaben der Konkurrenz durchkreuzen. Allerdings gibt es bislang keine solche Verpflichtung – und wenn, dann müsste eine solche wohl auch sinnvollerweise für alle Akteure am Markt geschaffen werden.
EU-Pläne könnten Spielfeld neu ordnen
Der rechtliche Schlüssel liegt aber ohnehin nicht bei Digitalminister Volker Wissing (inzwischen parteilos) in Berlin oder Chefregulierer Klaus Müller in Bonn. Der Telekommunikationsmarkt wird im Kern bereits heute europarechtlich reguliert – gut 25 Jahre nach der Liberalisierung gibt es in Brüssel starke Tendenzen zu einer Überarbeitung des Telekommunikationsmarktrahmens insgesamt.
Der noch unter Thierry Breton angedachte "Digital Networks Act" soll den Telekommunikationsmarkt real europäisch machen: mit grenzübergreifenden Angeboten und grenzübergreifender Regulierung. Damit soll auch die Position europäischer Champions gegenüber Anbietern aus dem Rest der Welt, die selbst gar nicht Telekommunikationsfirmen sein müssen, gestärkt werden.
Dass hier ein Gesetzesvorschlag kommen soll, hat Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erst vor kurzem bekräftigt. Der sogenannte Draghi-Report empfiehlt, als Bemessungsgrundlage für Monopole nicht mehr die Märkte der Nationalstaaten sondern die der gesamten EU zu nehmen – was von manchen Fachleuten scharf kritisiert wird.
Am Ende könnte eine deutliche Konsolidierung des Telekommunikationsmarktes in der EU stehen. Die Deutsche Telekom glaubt, vielleicht zurecht, dass sie in einer europäischen Champions League der Telecom-Riesen mitspielen könne und müsse. Dass dafür die Kriegskasse gefüllt sein muss, davon gehen Marktbeobachter aus: Immerhin geht es darum, wer sich am Ende durchsetzt.
Zugleich liegt darin für finanzinvestorengetriebene Anbieter eine ganz andere Option: Werden Monopole statt am nationalen künftig am europäischen Markt gemessen, könnten ihre Anbieter zu hohen Preisen vom Markt gekauft werden – etwa von der Telekom, die sich dann nicht mehr mit der bundesdeutschen Brille herumschlagen müsste.
Ob hierdurch aber tatsächlich positive Effekte für die EU-Verbraucher zu erzielen wären, steht dabei auf einem ganz anderen Blatt. Und bis das soweit ist, werden in Kleinblittersdorf im Saarland jedenfalls noch einige Straßenzüge erst auf- und dann zugemacht, auf- und wieder zugemacht.
(vbr)