Glasfaserausbau: Harte Bandagen im Kampf um die Kunden​

Seite 2: Der Doppelausbau in der Praxis

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Doppelter Ausbau heiĂźt oft auch: mehr Baustellen, mehr Arbeit fĂĽr die Kommunen.

(Bild: juerginho/Shutterstock.com)

Was verbindet Kleinblittersdorf im Saarland, an der Grenze zu Frankreich gelegen, Horneburg in Niedersachsen, Abensberg in Bayern und die bayrische Landeshauptstadt MĂĽnchen? Hier tobt ein erbitterter Kampf um die Vorherrschaft im Erdreich und bei den Glasfaserkunden.

Die Gemeinde Kleinblittersdorf mit ihren Ortsteilen Rilchingen-Hahnweiler und Auersmacher wurde unfreiwillig Schauplatz der Auseinandersetzung um den Doppelausbau. Die Deutsche Glasfaser hatte 2022 angekündigt, das Gebiet zu erschließen. Doch abgesehen von Vermarktungsaktivitäten passierte erst einmal nichts Sichtbares. 2023 kam dann GlasfaserPlus nach Kleinblittersdorf. Und kündigte an: Wir bauen aus. GlasfaserPlus ist ein Joint Venture von Deutscher Telekom und einem Investor. Auf dem Netz in Kleinblittersdorf bietet bislang ein einziger Anbieter seine Dienste an: Die Telekom.

Kleinblittersdorf steht damit für einige Gebiete in Deutschland. Bürgermeister Rainer Lang (SPD) ist genervt. "Ich sehe als Bürgermeister insgesamt für die Bürgerinnen und Bürger wie auch für die Gemeindeverwaltung eher Nachteile als Vorteile", sagt er. Und befürchtet, dass der Glasfaserausbau durch zwei Unternehmen dazu führen kann, dass in manchen Straßenzügen zwei Anbieter um Kunden buhlen, während der Ausbau in anderen Gebieten abgeblasen wird, weil die Wirtschaftlichkeit nicht mehr gegeben ist.

Für die Bürger gehe die Konkurrenzsituation vor Ort mit viel Unsicherheit einher, berichtet Lang. Und auch für den Alltag sei die Situation belastend: "Straßen und Gehwege müssen doppelt oder sogar mehrmals geöffnet und wieder verschlossen werden." Die dadurch noch häufiger stattfindenden Straßensperrungen und Ampelregelungen würden ebenfalls Bürgerunmut erzeugen – und für die Verwaltung, sagt Bürgermeister Lang, sei der Mehraufwand sogar "um ein Vielfaches höher als nur eine Doppelbelastung."

Die Schuld an der Misere gibt Bürgermeister Lang dem Gesetzgeber: Der habe rechtlich dafür gesorgt, "dass Unternehmen, die sich erst gegen einen Ausbau entschieden haben, nun doch in den Glasfaserausbau investieren möchten". Lang fordert "einen gesetzlichen Schutz für die Bürger als auch für die Gemeinde, dass sobald es zu einem Vertragsabschluss der Parteien gekommen ist, der Glasfaserausbau dann auch verbindlich von dem Unternehmen durchgeführt werden muss".

Weder die Deutsche Glasfaser noch GlasfaserPlus wollen in Kleinblittersdorf oder anderswo Fehler gemacht haben. "Natürlich streut man sich gegenseitig keine Rosen, aber so ist Wettbewerb", sagt Jens Berwig, der kaufmännische Leiter (CCO) von GlasfaserPlus. Er verweist darauf, dass jede Glasfaserinfrastruktur ja selbst bereits als Wettbewerber auftrete – zum Fernsehkabel und zum Kupferdraht. Dass mehrfach ausgebaut würde, sei auch sonst in Europa üblich.

"Es ist nicht Teil unserer Unternehmensstrategie, dem Wettbewerb durch einen geplanten Doppelausbau von Glasfasernetzen vorsätzlich zu schaden", betont Dennis Slobodian von Deutsche Glasfaser. Für die Firma sei Doppelausbau vollkommen überflüssig. "Jeder doppelt ausgebaute Ort bedeutet, dass ein anderer Ort auf die Erschließung mit Glasfaser warten muss." "Folgen beim Ausbau ergeben sich kaum durch Doppelausbau", widerspricht Berwig. "Denn ehrlicherweise muss man sagen, dass die Diskussion darüber größer ist als der Fakt an sich. Was wir in den Regionen, wo wir aktiv sind, an Doppelausbau beobachten, ist überschaubar und handhabbar."

Das decke sich auch mit dem, was bei der Bundesnetzagentur an Überbau-Aktivitäten hinterlegt sei, sagt Berwig. Prozentual betreffe das Thema nur einen "verschwindend geringen Anteil". Allerdings meldet etwa die GlasfaserPlus nach seinen Angaben selbst gar nicht an die Monitoringstelle, wenn sie betroffen ist. Und ist damit bei weitem nicht der einzige Betreiber.

In Abensberg bei Regensburg zog sich Leonet zurück, nachdem die Telekom angekündigt hatte, 6000 Haushalte zu erschließen – und damit deutlich weniger, als Leonet ausbauen wollte. Damit sei die für einen wirtschaftlich sinnvollen Ausbau notwendige Menge an Anschlüssen nicht mehr erreichbar gewesen. "Die Vorgehensweise, die sich auf den ehemaligen Monopolisten und seine Tochtergesellschaft konzentriert, gleicht vielerorts einer Bulldozer-Mentalität", sagt Wolfgang Wölfle von Leonet. Denn gerade im ländlichen Raum sei ein Doppelausbau ökonomisch wie ökologisch Unsinn.

"Der Schaden, den der strategische Überbau dem Glasfaser-Ausbau in ländlichen Regionen in den vergangenen Jahren zugefügt hat, ist groß", sagt Frederic Ufer, Geschäftsführer des Verbands VATM. Der Telekom habe sich dabei "auf die lukrativen innerörtlichen Bereiche" fokussiert. "Diese Rosinenpickerei hat den Business-Case der Wettbewerber, deren Ziel es ist, eigenwirtschaftlich die gesamte Ortschaft mit Glasfaser zu versorgen, vielerorts zunichtegemacht", meint Ufer. Mehrere parallele Netze seien nur in Großstädten überlebensfähig. Doch selbst da gibt es Streit.

Noch heftiger als in Kleinblittersdorf oder Abensberg ist der Konkurrenzkampf in der bayrischen Landeshauptstadt München. Jahrelang sah es dort nach friedlicher Koexistenz aus: M-Net, eine Tochter der Stadtwerke München, hatte den Ausbau des Innenstadtbereichs vorgenommen, die Telekom wollte sich mit ihrem Ausbau auf die Außenbezirke konzentrieren. Dazu hatten beide Unternehmen 2021 eine wohlklingende Absichtserklärung abgegeben.

Die Idee: M-Net und Telekom ermöglichen sich gegenseitig den Zugang zu ihren Netzen, um Endkunden zu versorgen und sparen Ausbaukosten. Doch eine einfache Idee findet noch lange keine einfache Lösung – und inzwischen ist der Tonfall rauer geworden. M-Net sieht die Schuld bei der Telekom. Jahrelang habe man versucht, mit ihr eine Lösung zu finden. Dann habe die Telekom die Gespräche abgebrochen. Das bestätigt dem Grunde nach auch die Deutsche Telekom. Allerdings sieht sie die Schuld dafür bei M-Net. "Unser, wie wir dachten gemeinsames, Ziel war immer der kooperative Ausbau in München", sagt eine Telekom-Sprecherin. "Das war über jahrelange intensive Gespräche auch der M-Net und den Stadtwerken klar und transparent."

In Regensburg habe man sich etwa mit der dortigen Stadtwerketochter R-Kom gut einigen können, führt die Telekom als Beispiel an: "Das wäre auch in München ein Weg gewesen. Alle Verhandlungen und möglichen Kooperationsmodelle sind aber gescheitert. Insofern erweitern wir jetzt unseren Ausbau in München, weil die dort angestrebte Kooperation nicht möglich war."

Zwar betonen alle in der Branche gerne, dass Open Access ein Erfolgsmodell ist, das sie unterstützen. Doch gestritten wird regelmäßig über technische und finanzielle Fragen: Zu welchen Konditionen und wie bekommt der Wettbewerber Zugang zum Netz? Dafür gibt es verschiedene Modelle. Das eine ist, dass passive Infrastruktur mitgenutzt wird – dabei mietet ein Provider eine Faser vom Netzbetreiber, der ausgebaut hat. Die aktive Netzinfrastruktur stellt jeder Anbieter selbst. Andere Varianten sind ein Bitstrom-Zugang aufs aktive Netz, bei dem nur Datenströme übergeben werden, oder gar ein White-Label-Anschluss, für den der Diensteanbieter nur die Rechnung stellt.

Beim Bitstrom-Zugang sind zwei Abrechnungsvarianten ĂĽblich: Die Anbieter zahlen einen vergleichsweise hohen Preis pro Anschluss, um die Infrastruktur des anderen Anbieters mitnutzen zu dĂĽrfen. Die zweite Variante ist bei vielen AnschlĂĽssen deutlich attraktiver: Ein Anbieter zahlt eine Art GrundgebĂĽhr, dafĂĽr wird der Einzelanschluss gĂĽnstiger. Doch MĂĽnchen ist auch hier ein Sonderfall.

Das hängt selbst im Glasfaserzeitalter mit den uralten Ortsnetzvorwahlen zusammen. Denn die Berechnungsgrundlage der Telekom für die "Commitment Fee", die Grundgebühr, ist die Größe der theoretisch verfügbaren Anschlüsse. Und zwar die im jeweiligen Ortsnetzkennzahlbereich – hier die 089. Das gesamte Ortsnetz von München, in dem M-Net aber schon 640.000 Haushalte erschlossen hat. Während Telekom-Kunden bereits auf der Infrastruktur von M-Net aufgeschaltet sind, kann M-Net wegen des ungelösten Streits über die Berechnung der Grundgebühr im Telekom-Gebiet nicht vermarkten.

Die Bundesnetzagentur bestätigt, dass die "Commitment Fees" ein Teil des Problems sind. Eine kleine Gruppe von Unternehmen sei betroffen, bislang hätten sich die Modelle aber durchaus bewährt. Noch gebe es keine finale Bewertung, ob es eine "statische Option" geben müsse, etwa für ganze Straßenzüge. Die Deutsche Telekom beantwortet Fragen zu diesem Aspekt der Debatte nicht.

Die Telekom will in München nun selbst parallel auch im Innenstadtbereich ausbauen, pro Jahr 80.000 bis 110.000 Haushalte. "Insgesamt plant die Telekom rund eine Million Münchner Haushalte mit Glasfaser bis in die Wohnung zu versorgen", sagt eine Sprecherin. Bis in die Wohnung – da ist M-Net bislang bei vielen Münchnern auch noch nicht. Aber immerhin bis in den Hauskeller ist sie schon gekommen. Damit, heißt es aus Kreisen der Münchner Verwaltung, sei zwar oft noch kein Nutzer angeschlossen. Aber das sei mehr als die Telekom in den äußeren Bezirken der Landeshauptstadt bislang geleistet habe.