Das Wunder von DĂĽsseldorf

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Diese Auffassung bestreitet Infront entschieden. Mobil-TV-Rechte seien zwar zum Beispiel für Italien und die Niederlande, bislang jedoch nicht für Deutschland vergeben worden. Lediglich für das Video-Streaming über UMTS hat der Netzbetreiber T-Mobile sich bereits Rechte für 20 Spiele gesichert. Henrik Rinnert musste als Kaufmann und Jurist die Lage frühzeitig einsehen und hastet seitdem durch Mitteleuropa, um einen "ausgesprochen elaborierten" Lizenz-Deal auszuhandeln, wie er verspricht: "Die Lösung wird für einen Sendestart im Mai stehen."

Doch selbst wenn das gelingt und selbst wenn der Rechtsstreit mit Walk'n Watch noch auf die eine oder andere Weise rechtzeitig entschärft werden kann: Weitere offene Fragen kreisen um den Mobilfernsehstandard, auf den sich die Nutzer bei der Anschaffung eines TV-fähigen Endgeräts festlegen müssten – denn Standards gibt es derzeit, ähnlich wie bei der DVD, mehrere.

Bereits heute bieten Vodafone und T-Mobile per UMTS-Streaming Handy-TV für die eigenen Kunden an, erreichbar über die Multimedia-Portale Vodafone Live und t-zones. Zum Live- Angebot gehören News via n-tv und CNN sowie Sport von Eurosport und DSF; ansonsten Vorab-Versionen abendlicher Daily Soaps und Musik- Clips. Die Angebote sind nur in UMTSversorgten Gebieten nutzbar, also vor allem in städtischen Ballungsräumen. Zunehmend aktuell wird damit die Frage, ob auch für UMTS-TV eine Rundfunk-Lizenz nötig wird. Entscheidend dafür sind Faktoren wie die Breitenwirkung, Aktualität, feste Sendezeiten und die technische Realisierung, ob also die Bilder an jeden Nutzer einzeln oder im Multicast-Verfahren an mehrere gleichzeitig versendet werden. In diesem Januar befasste sich die Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten mit den von T-Mobile per UMTS verbreiteten Fußball-Bundesligaspielen. Sie kam zu dem Schluss, dass einige der Kriterien "aufgrund des technischen Fortschritts mittlerweile auch für eine Übertragung über Telefonnetze" gelten. Die 37-prozentige Bundesbeteiligung an der Telekom werfe zudem die grundsätzliche Frage der Zulassungsfähigkeit auf. "Aufgrund der zunehmenden Konvergenz im Rundfunkbereich" werde man "den Dialog mit der Bundesnetzagentur und dem Bundeskartellamt vertiefen".

Für eine nicht genannte Summe hat sich T-Mobile auch die Übertragungsrechte für 20 Spiele der Fußball-WM gesichert – darunter alle des deutschen Teams sowie Halbfinale und Finale. Da das Signal des bereits lizenzierten Senders Premiere übernommen wird, ist T-Mobile hier "medienrechtlich aus dem Schneider", wie Pressesprecher René Bresgen erläutert.

Die an MFD zugeteilten Sendelizenzen beziehen sich auf Digital Multimedia Broadcasting (DMB), das auf dem Digitalradio- Netz DAB aufbaut. In Deutschland konkurriert es mit DVB-H, der mobilen Variante des digitalen Antennenfernsehens DVB-T; im Ausland kommen noch weitere Standards wie das US-amerikanische MediaFLO hinzu. Beide deutschen Varianten nutzen die bereits bestehenden Rundfunk-Sendernetze mit. Die norddeutschen Länder, wo DVB-T schon gut ausgebaut ist, favorisieren DVB-H und haben auch schon Pilotprojekte in Berlin, Hamburg und Hannover gestartet.

In Süddeutschland dagegen werden erst ab 2007 geeignete Frequenzen frei, weil dort bis dahin noch mehr analoge Fernsehkanäle vorgesehen sind. Tatsächlich entfielen etwa bei der hannoverschen Landesmedienanstalt, die Kapazitäten beider Standards ausgeschrieben hatte, 23 von 30 Anträgen auf DVB-H. Dafür gibt es wirtschaftliche und technologische Gründe: DVB-H ist standardisiert und in weltweit über 30 Testnetzen erprobt, DMB nur in Deutschland und Korea. Der DVB-H-Regelbetrieb beginnt 2006 unter anderem in Italien, Finnland und den USA. Fast alle Mobiltelefon-Hersteller unterstützen DVB-H, nur die asiatischen wie Samsung, LG oder Sharp auch DMB. Ein Funkkanal kann mindestens 20 DVB-H-Programme – Fernsehen, Radio oder auch Datendienste – übertragen; DMB kommt zurzeit auf vier Dienste pro Kanal.

DVB-H glänzt mit geringem Stromverbrauch durch Time Slicing: Datenpakete treffen im festgelegten Takt ein, der Empfänger schaltet zwischendurch für Sekundenbruchteile ab. Ausgelegt auf Fahrzeug-Geschwindigkeiten bis 220 km/h, wurde es bereits bei Mach 1 getestet und wechselt dabei verlustfrei zwischen Sendemasten. Das auf Mobilität ausgelegte DAB/DMB ist aufgrund der regulatorisch begrenzten Sendeleistung schlecht in Gebäuden zu empfangen. DVB-H erreicht – wie DVB-T – eine bessere Durchdringung. DVB-H hat den moderneren Verschlüsselungsstandard: ein mobil übertragener Pay-TV-Schlüssel macht Schlüsselkarten überflüssig.

DVB-H basiert auf IP, DMB nicht. Mittels "IP Datacast" ist DVB-H besser für interaktive Mehrwertdienste (Voting, Shopping, Gewinnspiele etc.) und deren Abrechnung geeignet. Zwar will das aus Bundesmitteln geförderte Projekt 3GET die DAB-Plattform mit IP Datacast zu einem neuen Standard DXB verbinden. Dieser Rettungsanker könnte jedoch das DAB/DMB-Lager erst recht isolieren, denn neue Geräte auf DXB-Plattform wären zum Beispiel inkompatibel zum in Korea verwendeten DMB-Standard.

Mitte 2005 bekannte sich das US-Industriekonsortium 3G Americas zu DVB-H. Von sieben untersuchten Systemen sei DVB-H die ausgereifteste und vielseitigste Plattform, die den Bedürfnissen des Marktes am besten entgegenkomme. DVB-H-Kunden wären – einheitliche Frequenzen vorausgesetzt – also international mobiler; die EU-Kommission hat bereits Koordinierungsbedarf signalisiert.

RASCHER GERÄTEWECHSEL

Zum Teil scheint das Nord-Süd-Gefälle medienpolitisch motiviert: Deutschland ist zu 80 Prozent mit DAB abgedeckt, der Süden gar zu 92 Prozent; trotzdem fand das Digitalradio bislang nur etwa 100.000 Nutzer. Die TV-Erweiterung soll das ändern und so nachträglich die hohen DAB-Investitionen rechtfertigen: "DMB kann die Voraussetzung schaffen, dem gesamten DAB-System zum Durchbruch zu verhelfen", hoffte Professor Wolf-Dieter Ring, Präsident der Bayrischen Medienanstalt, bereits 2004. Sein Bremer Amtskollege Wolfgang Schneider dagegen hatte damals "so etwas wie eine verdeckte Abschiedssymphonie" ausgemacht: "Einer nach dem anderen packt seine Subventionen ein, und ohne diese wäre DAB ja sowieso nie ins Laufen gekommen."

Letztlich mag es also auf zwei Sendernetze hinauslaufen – auch MFD hat sich parallel für DVB-H beworben. Hybride Endgeräte wird es vorerst nicht geben, obwohl die israelische Chip-Schmiede Siano Mobile Silicon jüngst den ersten Hybrid- Chipsatz vorstellte. Also müssen sich eilige Verbraucher für einen Standard entscheiden – oder doppelt in die Tasche greifen: "Wir erwarten, dass DMB den Markt öffnen und DVB-H dann die zweite Generation bringen wird", erläuterte Bertold Heil von T-Systems in der Zeitschrift "c't". Dass der Kunde vielleicht nach der WM bald ein neues Handy braucht, ist eingeplant. Heil: "Die Ersatzzyklen von Mobiltelefonen machen einen Umstieg, anders als in der Unterhaltungselektronik, schnell möglich." (wst)