Elektroauto mit chinesischem Komfort: Nio ES6 im Test

Seite 2: Das Nadelöhr der Elektromobilität

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Auf die Möglichkeit des Batteriewechsels setzt Nio schon länger. Das Unternehmen betreibt 143 Wechselstationen in 64 Städten im Osten Chinas. Innerhalb von drei Minuten entnimmt ein Roboterarm die leere Batterie aus dem Boden und ersetzt sie mit einem geladenen Energiepaket. Beim Angebot Battery as a Service (BaaS) zeigt die Nio-App Fahrern, wo eine Wechselstation steht und ob von den maximal fünf gelagerten Batterien eine geladen und verfügbar ist. Die Idee mit dem Batteriewechsel haben schon andere Unternehmen ausprobiert und wieder verworfen. Schließlich benötigt man mehr Batterien als Autos auf der Straße. Die Batterie-Verfügbarkeit ist jedoch das Nadelöhr der Elektromobilität.

Nio hat Glück, dass die chinesische Regierung jetzt neben Ladesäulen auch Wechselstationen fördert. Außerdem wurde das Preislimit bei der staatlichen Förderung für Wechselautos gestrichen. Den chinesischen Umweltbonus gibt es nur bis zu einem Kaufpreis von 300.000 Yuan. Die Nio-Modelle liegen alle darüber. Der ES6 beginnt bei 358.000 Yuan, umgerechnet 44.000 Euro. Davon werden etwa 1800 Euro Umweltbonus abgezogen. Für die Batterie zieht Nio noch mal rund 8500 Euro ab, so dass der Wagen in China für umgerechnet 33.700 Euro zu haben ist. Für die 70-kWh-Batterie zahlt man monatlich 120 Euro Miete. Wer für den Familienurlaub eine größere Batterie benötigt, leiht gegen Zuzahlung eine 100-kWh-Batterie.

Ob Nio sein Batterie-Wechselsystem nach Europa bringt, ist unklar. Die Fahrzeuge kommen vielleicht Ende 2021, Anfang 2022. Dass es schon heute Testfahrzeuge in München gibt, hat organisatorische Gründe. Nio verfolgt einen globalen Ansatz. Software wird im Silicon Valley entwickelt. Die meisten Hersteller von Oberklassefahrzeugen sitzen in Süddeutschland. Also siedelte Nio seine Design-Zentrale in München an. Hier arbeiten rund 70 Menschen am äußeren und inneren Erscheinungsbild des Autos sowie den Menüs auf den Bildschirmen und der Assistentin Nomi. Sie spricht und auf der Fläche des Kugelsegments sind Mimik und Gestik zu erkennen. Läuft Musik, schwingt sie (optisch) Rasseln oder spielt Gitarre.

Das Navigationssystem im ES6 fühlt sich in Bayern noch nicht zuhause. Baidu liefert keine Kartendaten für die Region. Dafür lässt die Fahrassistenz keine Wünsche offen. Selbst der automatische Spurwechsel funktioniert gut: Blinker setzen und im Display erscheint grün markiert der Pfad auf die andere Spur. Der ES6 wechselt die Fahrbahn, ich muss nur den Blinker wieder ausschalten. Bis Tempo 130 unterstützt mich der Autopilot.

Nio ES6 zweiter Teil (9 Bilder)

Wie im Tesla ist ein Hochformat-Bildschirm in der Mitte angebracht.
(Bild: Dirk Kunde)

Wenn ich die Kontrolle wieder übernehme, habe ich die Wahl zwischen den Fahrmodi Normal, Eco, Sport und Persönlich. In letzterem kombiniere ich meine favorisierte Beschleunigungs- und Rekuperationsleistung.

Um die Route zu meinem Ziel zu finden, nutze ich mein Smartphone. Das liegt in einer Ablage der Mittelkonsole und wird induktiv geladen. Mitfahrer auf der Rückbank haben zwei USB-Anschlüsse, Luftauslässe und eine ausklappbare Armlehne mit zwei Getränkehaltern. Die Verarbeitung der Innenraummaterialien liegt auf Top-Niveau, wie übrigens auch die Akkuratesse der Karosserie-Spaltmaße. Damit setzt sich der chinesische Elektrowagen wohltuend von denen des US-Konkurrenten Tesla ab.

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Unser Reisegepäck findet ausreichend Platz im 672, maximal 1433 Liter messenden Kofferraum. Ein angedeuteter Tritt unter die Stoßstange und die Klappe fährt hoch – praktisch bei vollen Händen. Die Ladekante schließt mit dem Innenboden ab, sodass ich nichts darüber heben muss. Vorn unter der Haube gibt es keinen weiteren Stauraum, wie etwa den Frunk bei Tesla.

Die Eindrücke mit dem Testwagen machen deutlich, dass die Nio-Designer ihren Standort offenbar richtig gewählt haben: Sie spielen locker in der Oberklasse mit. Das chinesische Stromauto zeigt beeindruckende Reife und könnte auch in Europa sofort mit den Produkten der selbsternannten deutschen Premiumhersteller mithalten. Audi e-tron (Test) und Mercedes EQC (Test) bieten Ähnliches, sind aber (gemessen am chinesischen Preis) deutlich teurer. Wenn Nio nach Deutschland kommt, wird vielleicht der Himmel blauer, vor allem aber wächst das Angebot für Käufer hochwertiger Elektroautos.