MIT Technology Review 6/2017
S. 84
Meinung
Bücher

Die Faszination des Scheiterns

Auch die krassesten Fehlleistungen zeitgenössischer Architekten und Stadtplaner haben noch eine interessante Seite, wie der Bildband „ArchiFlop“ zeigt.

Alessandro Biamonti: ArchiFlop. Gescheiterte Visionen. Die spektakulärsten Ruinen der modernen Architektur DVA Bildband, 192 Seiten, 29,95 Euro

Jeder mag Ruinen – solange sie alt genug sind. Bei baufälligen Bauten der jüngeren Vergangenheit hingegen „erleben wir eine deprimierende Szenerie, die uns schaudern lässt, einen regelrechten ästhetischen Schlag in die Magengrube“, schreibt Architekt und Design-Dozent Alessandro Biamonti in seinem Vorwort – auch weil wir solche Youngtimer-Ruinen als „Anzeichen unseres Misslingens“ betrachteten.

Genau diesem Misslingen spürt Biamonti in seinem Bildband nach. Er versammelt nicht einfach nur wohlig-schaurige Bilder von verfallenen Orten, sondern gliedert sein Buch nach den Fehlannahmen, die zu deren Scheitern führten: „Es werden viele Tausende kommen“ (Geisterstädte), „Es wird riesige Gewinne bringen“ (Spekulationsobjekte), „Sie werden es nicht bemerken“ (unbeholfene Machtdemonstrationen), „Sie werden sich bestens amüsieren“ (Vergnügungsparks).

Der Häuserblock Kowloon in Hongkong war eine Stadt in der Stadt. Foto: Alamy/Mauritius Images

Zum Teil überschneidet sich die Auswahl mit hinlänglich bekannten „Lost Places“ – etwa beim Spreepark in Ost-Berlin, dem Diamantendorf Kolmannskuppe in Namibia oder der japanischen Bergbauinsel Hashima. Aber darüber hinaus hat der Autor ebenso exotische wie bizarre Fundstücke ausgegraben. Tianducheng in China etwa ist Paris nachempfunden, einschließlich Gründerzeitbauten und Eiffelturm (im Maßstab eins zu drei). Doch die Wohnungen sind so teuer, dass bisher nur 2000 statt der geplanten 10000 Einwohner eingezogen sind. Oder Gibellina Nuova in Süditalien, das als Ersatz für das von einem Erdbeben zerstörte Dorf Gibellina Vecchia erbaut wurde. Es ist voller Kunstwerke, aber ohne Menschen.

Der Palast der Kommunistischen Partei Bulgariens ist ein Beispiel für eine unbeholfene Machtdemonstration. Foto: Impact Press Group/ Nur Photo/ Corbis
Der japanische Nara-Vergnügungspark war eine fast perfekte Disneyland-Kopie. Als ein echtes Disneyland in Tokio eröffnete, begann der Niedergang. Foto: Dawid Gusiak

Einige Objekte sind mittlerweile abgerissen worden, darunter auch die Kowloon Walled City auf einer Halbinsel in Hongkong. Dort fühlten sich weder Briten noch Chinesen zuständig, so entwickelte sich eine „Stadt in der Stadt“. Sie war so verschachtelt, dass kaum ein Sonnenstrahl ins Innere drang. Bis zu ihrem Abriss 1993 wohnten hier 33000 Menschen, was die „Stadt der Dunkelheit“ zu dem Ort mit der größten Bevölkerungsdichte der Welt machte. Bei allem Schaudern über die Wohnbedingungen gesteht Biamonti sich – wie bei allen anderen Architektur-Flops – auch eine gewisse Faszination ein. Diese Ambivalenz macht den Reiz des Bildbands aus. GREGOR HONSEL

Neurowissenschaft

Was befähigt zum Völkermord?

Seine Vorgeschichte als Dokumentarserie fürs britische Fernsehen merkt der Leser dem jüngsten Werk des US-Hirnforschers David Eagleman kaum an. Steigt man in das Buch „The Brain“ ein, präsentiert es leicht verständlich Forschungsergebnisse zu zentralen Fragen. Es geht um die Existenz eines freien Willens oder darum, wie Geruch, Klänge und Farben erst in unserem Gehirn entstehen. Besonders eindrücklich schildert Eagleman die sozialen Dimensionen seines Fachgebiets. So zeigt er, von welch großer Bedeutung gerade die zwischenmenschlichen Kontakte für die Entwicklung des Gehirns beim Kleinkind und auch später sind. Darüber hinaus geht Eagleman der heiklen Frage nach, wie Völkermorde geschehen können: Wie kommen Menschen dazu, ihren Nachbarn umzubringen? Das sind gesellschaftliche Fragen, die über die Hirnforschung im engeren Sinn weit hinausgehen. Dennoch legt Eagleman dazu erhellende Erkenntnisse aus eigenen Studien vor. Ein Mechanismus, der solche Grausamkeiten möglich mache, sei es etwa, das Gegenüber als Gegenstand wahrzunehmen und dadurch zu entmenschlichen. INGE WÜNNENBERG

David Eagleman: „The Brain. Die Geschichte von dir“. Pantheon Verlag, 224 Seiten, 22,99 Euro (E-Book 18,99 Euro)

linguistik

Bildsprache

Der 17-jährige Osiris Aristey stand 2015 wegen Androhung eines Terroranschlags vor Gericht. Er hat keine Bombe gebaut oder gedroht, eine Bank zu sprengen. Nein, er postete auf Facebook:

Aber sind ein paar Pistolen-Emojis, die auf ein Polizisten-Emoji zeigen, wirklich schon eine Terrordrohung? Das Gericht jedenfalls ließ die Terroranklage fallen.

Diese Geschichte inspirierte den Sprachwissenschaftler Vyvyan Evans dazu, sich mit dieser Art Kommunikation zu befassen. Seine Ergebnisse sind schnell zusammengefasst: Emojis werden eingesetzt, um nonverbale Kommunikationsmittel auch in Textform nutzen zu können und so Mehrdeutigkeiten zu vermeiden; sie sind keine eigene Sprache. Das weiß jeder, der schon einmal eine SMS geschrieben hat.

Das Interessante an diesem Buch ist jedoch die ausführliche Herleitung dieser Fakten. Der Autor leitet den Einsatz von Emojis aus der Funktionsweise von Sprache im Allgemeinen ab. Der Leser bekommt so gleichzeitig einen Crashkurs in Linguistik. Dabei verwendet Evans immer einfache Sprache und einen sehr anekdotenhaften Erzählstil. Das Buch ist auf Englisch MARCO LEHNER

Vyvyan Evans: „The Emoji Code“. Picador, 256 Seiten, 26 US-Dollar, ab 1.8.2017

VERKEHR

Ehrgeizig und naiv

Wie konnte ein so straff geführter Konzern wie Volkswagen so tief in Lug und Betrug versinken? Jack Ewing, Deutschland-Korrespondent der „New York Times“, zeichnet die Geschichte der Diesel-Affäre nach. Dabei zeigt er, dass VW oft genug die Chance hatte, ohne großen Flurschaden wieder aus der Affäre herauszukommen. Trotzdem entschieden sich die Wolfsburger immer wieder weiterzumogeln. Als Ursache macht Ewing die Firmenkultur mit ihrem grenzenlosen Ehrgeiz und ihrem autoritären Führungsstil aus – gepaart mit einer gewissen Naivität. Dafür holt er manchmal sehr weit aus, bis in die Nazi-Vergangenheit des Konzerns reicht seine Spurensuche. Leider bremsen diese Exkurse den erzählerischen Schwung und tragen nur wenig zur Erhellung des Abgasbetrugs bei. Später wandelt sich das Buch dann aber doch noch zu einem spannenden Wirtschaftskrimi. Ewing liefert keine grundlegend neuen Erkenntnisse. Aber auch Leser, die den Dieselskandal aufmerksam verfolgt haben, dürften noch einige neue Details entdecken. GREGOR HONSEL

Jack Ewing: „Wachstum über alles. Der VW-Skandal. Die Personen. Die Technik. Die Hintergründe“. Droemer Knaur, 408 Seiten, 22,99 Euro (E-Book: 19,99 Euro)