Prüfer auf dem Prüfstand
Vor 150 Jahren entstand der Vorläufer des TÜV, weil ein Dampfkessel explodierte.
Ein dumpfer Knall riss am 28. Januar 1865 die Menschen im Nordwesten Mannheims aus der Mittagsruhe. Kurz nach 13 Uhr explodierte in der Brauerei „Zum Großen Mayerhof“ ein Dampfkessel. Ein Arbeiter starb, vier Personen wurden verletzt. Die monströsen Kessel waren zu Beginn des Industriezeitalters tickende Zeitbomben, und die Arbeiter wussten oft zu wenig über die richtige Wartung.
Als Reaktion gründeten 21 Industrielle im Großherzogtum Baden am 6. Januar 1866 die „Gesellschaft zur Überwachung und Versicherung von Dampfkesseln mit dem Sitze in Mannheim“ (GÜD). Wer eine gefährliche Anlage betrieb, konnte Mitglied der GÜD werden und seinen Betrieb von dessen speziell ausgebildeten Ingenieuren prüfen lassen. Die ersten Erfolge stellten sich schnell ein. Von der GÜD kontrollierte Kessel waren zwanzigmal sicherer als staatlich geprüfte. Immer mehr Fabrikbesitzer schlossen sich daraufhin zu „Dampfkessel-Überwachungsvereinen“ (DÜV) zusammen – regionale Ausgründungen der GÜD.
„Deren fachliche Leistungen erkannten die Einzelstaaten des Deutschen Reiches Schritt für Schritt an und übertrugen ihnen auch bislang staatliche Kontrollaufgaben“, schreibt Historiker Wolfhard Weber. Nach der Jahrhundertwende widmeten sie sich unter anderem Elektro- und Fördergeräten, Fernleitungen, Lagertanks, Versammlungsstätten und Seilbahnen. Der Stuttgarter „Dampfkessel-Revisionsverein“ entwickelte gar das erste einheitliche Straßenverkehrsrecht des Landes, die StVO. Am 15. Oktober 1910 gründete der Verein dann eine Spezialabteilung zur Prüfung von Automobilen und ihrer Fahrer – die Geburtsstunde der Kfz-Hauptuntersuchung.
Das erweiterte Prüfspektrum führte 1936 zur Umbenennung von DÜV zu TÜV. „Den TÜV gibt es nicht, sondern verschiedene Prüforganisationen mit dem Namen“, betont der Verband der Technischen Überwachungs-Vereine (VdTÜV). Die einzelnen Gesellschaften wie TÜV Süd, TÜV Nord oder TÜV Rheinland entstanden in den 1990er-Jahren durch den Zusammenschluss regionaler TÜV-Vereine. Aus ihnen wurden große Netzwerke aus Aktiengesellschaften, Holdings und GmbHs. Um den Namen TÜV tragen zu dürfen, reicht es, wenn eine Gesellschaft zu mindestens 25,1 Prozent einem Technischen Überwachungs-Verein gehört, der wiederum überwiegend von Industrie- und Wirtschaftsunternehmen getragen wird.
In den 1990er-Jahren verlor der TÜV durch die Liberalisierung des Prüfmarktes in vielen Branchen sein Monopol. Bei Auto-Hauptuntersuchungen muss er nun etwa mit der Dekra konkurrieren. Auch zwischen den verschiedenen TÜV-Gesellschaften herrscht ein Wettbewerb um die Aufträge. Ein Aufzug in Bayern kann zum Beispiel auch vom TÜV Nord abgenommen werden.
Um sich neue Märkte zu erschließen, prüfen die TÜVs heute auch Faktoren wie Service, Beratung und Kundenzufriedenheit. Der TÜV Süd etwa vergibt an Webseiten das Datenschutzsiegel „S@fer Shopping“. Doch unter der Ausweitung hat offenbar manchmal auch die Zuverlässigkeit gelitten. Seit einigen Jahren häufen sich die Skandale um TÜV-geprüfte Produkte. So gab der TÜV Süd 2013 künstliche Hüftgelenke des österreichischen Herstellers Falcon Medical für den Markt frei. Bald brachen die ersten Prothesen, die Patienten mussten wieder unters Messer. Im Februar desselben Jahres implodierte das Schneeballsystem der S&K-Fonds. Viele Anleger hatten auf die TÜV-Zertifikate vertraut, mit denen die Finanzjongleure ihre unrealistischen Renditeversprechen kaschierten.
In Erklärungsnot geriet der TÜV auch bei Brustimplantaten des französischen Herstellers Poly Implant Prothèse. 2010 wurde öffentlich, dass viele Implantate mit billigem Industriesilikon gefüllt waren. Zertifiziert hatte sie der TÜV Rheinland für ganz Europa. Der Überwachungsverein wies die Verantwortung von sich. Nach EU-Recht hätten sie die Implantate nur anhand der Aktenlage beurteilen müssen. Der Hersteller habe das Produkt anschließend einfach verändert. Tatsächlich gab ein französisches Berufungsgericht dem TÜV Rheinland recht und urteilte, dass dieser „keinen Fehler“ begangen habe. Trotzdem: Der Ruf der Marke TÜV als Inbegriff deutscher Zuverlässigkeit bekam Kratzer. Heute steht das Ethos des alten Prüfvereins selbst auf dem Prüfstand. JOSEPH SCHEPPACH