MIT Technology Review 1/2016
S. 95
Fundamente
Rückschau

Löchrige Mauern

An dieser Stelle blicken wir zurück auf Artikel, die vor fünf Jahren in Technology Review erschienen sind. Diesmal: Apps für Autos

technology review 1/2011Bisher hypothetische Befürchtungen haben sich bewahrheitet.

Fahrzeugindustrie, Betreiber von Mobilfunknetzen und IT-Konzerne wollen das Auto in ein rollendes Online-Terminal verwandeln, um die letzten weißen Flecken des Internets zu schließen“, schrieb TR in Heft 1/2011. Damals planten die Autobauer, eigene App Stores für ihre Fahrzeuge zu schaffen.

Das Vorhaben war höchstens mittelerfolgreich. Die meisten Apps laufen noch da, wo sie schon immer liefen: auf dem Smartphone. Dieses übernimmt im Gegenteil immer mehr Jobs der Autoelektronik – von der Internetverbindung über das Abspielen von Musik bis hin zur Navigation. Dafür nehmen viele Fahrer herumhängende Ladekabel, launische Saugnäpfe und zu kleine Displays in Kauf.

Nach dem Motto „Wenn du sie nicht schlagen kannst, verbünde dich mit ihnen“ hat die Autoindustrie deshalb ihre Strategie geändert: Mit „CarPlay“ und „Android Auto“ bieten die ersten Hersteller Schnittstellen zu Apple- und Android-Smartphones an. Die Apps laufen zwar immer noch auf den Mobilgeräten, ab sie lassen sich dann wenigstens bequem bedienen, etwa über die Lenkradtasten (siehe TR 10/2015, S. 52).

Die Schattenseiten der ganzen Vernetzung zeichneten sich vor fünf Jahren bereits ab. „Ideal wäre es, wenn alle Infotainment-Anwendungen streng isoliert von der übrigen Bordelektronik ausgeführt würden, damit die Steuerung von Motor, ABS oder Airbags nicht beeinträchtigt wird“, schrieb TR damals. „Doch die Zeiten sauber getrennter Systeme im Auto sind spätestens dann vorbei, wenn beliebig über eine mobile Funkverbindung Programme, Daten und E-Mail-Anhänge direkt aus dem Netz geladen werden können und Anwendungen gleichzeitig auf Sensordaten der Bordelektronik zugreifen.“

Diese seinerzeit noch rein hypothetische Befürchtung hat sich mittlerweile mehrfach bewahrheitet. Bei einem Jeep Cherokee etwa, den sich die IT-Sicherheitsforscher Charlie Miller und Chris Valasek vorgenommen haben, spielte ein relativ einfach zu überschreibender Chip die Rolle des Torwächters. Damit konnten die Forscher per Mobilfunk bei voller Fahrt am Jeep herumspielen (siehe TR 10/2015, S. 56). Solche Attacken sind bisher allerdings noch zu aufwendig, um zum Volkssport unter Hackern zu werden. Aber kaum jemand glaubt, dass dies noch lange so bleiben wird. GREGOR HONSEL