Volkswagen: Neue Vorwürfe in der Abgas-Affäre

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Dabei muss eines klargestellt werden. Seit Jahren nutzen die Hersteller die Lücken im Anforderungskatalog des NEFZ mehr oder weniger intensiv. Zu den bekannten Maßnahmen zur Optimierung der Verbrauchswerte im Prospekt, die in Deutschland (und vielen anderen Staaten) seit 2009 für die Berechnung der Kfz-Steuer herangezogen werden, gehören Feinheiten wie extrem dünnes Öl, Prüfstandsläufe ohne Lichtmaschine oder überhöhter Luftdruck in den Reifen. All dies mag die so ermittelten Werte weit von der Praxis entfernen, ist aber gesetzeskonform. Auch eine Prüfstandserkennung ist nicht automatisch illegal. Sie wird es aber, wenn sie dazu genutzt wird, auf dem Prüfstand andere Ergebnisse zu liefern.

Die Bild am Sonntag berichtete, Audi habe diese Prüfstanderkennung jahrelang eingesetzt. In vertraulichen Firmendokumenten soll Axel Eiser, Triebstrang-Chefentwickler gesagt haben: „Schaltprogramm soll so ausgelegt werden, dass es auf der Rolle zu 100 Prozent aktiv ist, vor Kunde aber nur in 0,01 Prozent.“ Audi habe den Einsatz der Software im Mai 2016 gestoppt. Mehrere verantwortliche Techniker seien suspendiert worden. Es dürfte jedoch ziemlich sicher sein, dass kein Techniker eine Software mit solcher Tragweite einsetzt, ohne dies mit Vorgesetzten abzusprechen. Ihr Einsatz wäre keine Unachtsamkeit und Dummheit, sondern ein politisches Vabanquespiel mit extremem Risiko. Kein Politiker könnte dem Konzern helfen, ohne selbst Gefahr zu laufen, in die Schussbahn zu kommen – Vertuschung extrem schwierig bis unmöglich.

Dort hat sich der Konzern mit seiner jüngsten Feststellung, in Europa im Rahmen der Diesel-Affäre nicht gegen europäisches Recht verstoßen zu haben, sicher keine weiteren Freunde geschaffen. Selbst wenn das formaljuristisch richtig sein sollte, ist es politisch gesehen mindestens ungeschickt, wenn nicht mehr. Sicher, Volkswagen versucht größeren finanziellen Schaden vom Unternehmen abzuwenden. Bei einer Diesel-Quote von teilweise knapp über 50 Prozent in Europa geht es für den Konzern um sehr viel Geld. Doch man darf sich durchaus fragen, welche Langzeitwirkung eine solche Aussage hat. Volkswagen hat nicht nur eine gut geölte Rechtsabteilung, sondern sicher auch eine Reihe von Imageberatern. Letztere hatten in dieser Angelegenheit offenbar zum wiederholten Mal wenig zu sagen. Kurzfristig mag das helfen, langfristig verspielt Volkswagen Vertrauen – was den Konzern noch teuer zu stehen kommen könnte.

(mit Material der dpa) (mfz)