Unterwegs mit unserem Elektroschrott: Von Hamburg nach Ghana

Seite 3: Die Verwerter

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Agbogbloshie wirkt auf den ersten Blick chaotisch. Bald aber wird klar: Dies ist eine gut geölte Maschine, ein Markt mit System. Zehntausende arbeiten hier. Eine genaue Zahl gibt es nicht. Jeder hat seine Rolle: Sammler, Recycler, Agent, Händler. Auf dem Gelände existiert eine Vereinigung für Schrotthändler, sogar ein Büro der Steuerbehörde und Niederlassungen von Banken.

Eigentlich ist informelle Arbeit in Afrika gang und gäbe, jedenfalls kein Aufregerthema. Wären da nicht die Gefahren für Gesundheit und Umwelt. Über Agbogbloshie hängt stinkender Rauch. Er treibt von einer Freifläche herüber, hinter dem Schrottplatz. Die Recycler von Agbogbloshie kommen hierher, um Kabel aus alten Elektrogeräten zu verbrennen. Schmilzt das Plastik, lässt sich das Metall schnell entnehmen.

Die Schrottarbeiter und Anwohner des Slums atmen die Giftschwaden ein. Hinzu kommt, dass viele Recycler mit gefährlichen Materialien hantieren, ungeschützt. Fachleute untersuchen, wie geschwächte Lungen, Tumore und Schilddrüsenprobleme damit zusammenhängen. Oft seien im Elektroschrott Stoffe wie Quecksilber, Blei und Kadmium oder Chemikalien zu finden, so ein UN-Bericht.

Menschen wie Lubman Idris nehmen die Risiken hin. "Davor kann man nicht weglaufen", sagt der 30-Jährige. Das Material, das er aus Altgeräten gewinnt – Kupfer, Aluminium, Eisen – gebe er weiter: "Die Händler kommen vorbei, kaufen es und verkaufen es dann an andere."

Der Einkäufer kommt auf einem klapprigen Fahrrad zu den Recyclern. "Ich verkaufe es an Firmen, die die Metalle einschmelzen und exportieren", sagt er. Der UN-Bericht schätzt den Wert des Rohmaterials aus Elektroschrott weltweit auf 55 Milliarden Euro. Und wohin werden die in Accra gewonnenen Metalle exportiert? Nach China, Frankreich, Indien, Deutschland, diese Länder nennt er als Beispiele.

So schließt sich der Kreis. Es gibt Märkte für Secondhand-Elektronik in Ländern wie Ghana und einen internationalen Markt für Rohstoffe aus Altgeräten. Ausrangierte Elektronik und Abfall als wertvoll zu erkennen, so betonen Fachleute, hat durchaus Pluspunkte.

"Unter Ressourcengesichtspunkten ist das erstmal total sinnvoll", sagt Till Zimmermann vom Hamburger Institut Ökopol mit Blick auf den Export der Geräte. Viele würden weiter genutzt, bevor sie im Müll landeten. Abertausende Menschen wie Obour und Idris finden in dem Geschäft in armen Ländern zudem eine Beschäftigung.

Doch der echte Schrott landet zügig im Feuer auf dem Müllberg in Agbogbloshie. Und die Gesundheitsrisiken, die verdreckte Umwelt und die geringen Verdienste der Untersten im Abfallgeschäft stehen auf der Gegenseite der Bilanz.

Ein besseres Recycling wäre ein Anfang. "Weil der informelle Recyclingsektor in Ghana so gut organisiert ist, kann der formelle Sektor gar nicht richtig Fuß fassen", sagt der Fachmann Spitzbart. Die Idee ist nun, aus den informellen Recyclern offizielle Verwerter zu machen. Das Verarbeiten von giftigen Stoffen und das Verbrennen von Plastik sollten aber gestoppt werden. Das hinzukriegen, ist eine gewaltige Aufgabe. (mho)