Starlink für Tongas Internet? Zu wenig, zu spät

Seite 2: Sperrbezirk fĂĽr Starlink

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Zu berücksichtigen sind zudem internationale Funkvorschriften. Das von Starlink für den Downlink genutzte Ku-Band wird auch für Satelliten-TV von geostationären Satelliten genutzt – und diese genießen Vorrang. Damit dürfen die Starlink-Satelliten nicht zur Erde funken, wenn sie vor einem entsprechenden geostationären Satelliten durchfliegen. Andernfalls würde in der Region das Satellitenfernsehen ausfallen.

Die entsprechenden Beschränkungen gelten grundsätzlich weltweit, wirken sich aber je nach Breitengrad unterschiedlich aus: Am Äquator wären Verbindungen zwischen Bodenstationen und Starlink-Satelliten nur zulässig, wenn letztere mindestens 25 Grad und maximal 72 Grad über dem Horizont stehen. Für die restliche Zeit ihres Überflugs sind die am Äquator sowieso schon nicht so häufigen Starlink-Satelliten stumm. Tonga liegt circa 18 bis gut 21 Grad südlich des Äquators, womit sich der Sperrbereich etwas verschiebt, aber immer noch erhebliche Einschränkungen mit sich bringt.

Und dann sind da noch die tropischen Regenfälle. Selbst wenn Starlink zu 80 Prozent der Zeit funktionieren würde, wäre das ein frustrierendes Nutzererlebnis, erinnert Speidel. Besser als nichts, könnte man meinen, aber Tonga hat ja nicht nichts: Derzeit versorgen drei geostationäre Satelliten zumindest die Hauptinsel, nämlich Kacific, SES und Intelsat. Letzterer funkt im C-Band, das für Störungen durch Regen und Asche weniger anfällig ist.

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Gemeinsam stellen die drei Satelliten laut Medienberichten etwa ein Achtel der benötigten Bandbreite. Das reicht für E-Mail und andere Notfallkommunikation, aber nicht, um Tongas Mobilfunknetz mit Daten zu versorgen. Daher ist es derzeit auf Telefonie und SMS mit GSM beschränkt.

Das ist für die Tongaer schlimmer, als es sich anhört: Vier Fünftel der Einwohner sind auf Geldüberweisungen Angehöriger aus dem Ausland angewiesen. An die 40 Prozent des gesamten "Bruttoinlandsprodukts" Tongas bestehen aus solchen freiwilligen "Einnahmen", die höher sind, als die tatsächlichen Warenexporte.

Satellitenaufnahmen der Folgen des Vulkanausbruchs in Tonga (15 Bilder)

(Bild: UNOSAT)

Diese Überweisungen Angehöriger laufen über Apps von Anbietern wie Western Union und Moneygram. Seit es keinen Mobilfunkdatendienst mehr gibt, können die Tongaer ihre Überweisungen nicht abheben. Gleichzeitig sind ihre Ausgaben stark gestiegen: Die Asche des Vulkanausbruchs hat Trinkwasser, Felder und Gärten vergiftet, der Tsunami viele Nutztiere getötet. Also müssen die Einwohner nun Lebensmittel und sogar Trinkwasser sehr teuer einkaufen, vom Baumaterial für den Wiederaufbau ihrer Häuser ganz zu schweigen.

Das führt zu einem weiteren Starlink-Problem: Wie sollen die Tongaer Starlink empfangen? Starlink leidet selbst unter dem weltweiten Chipmangel und hat kaum Empfangsgeräte auf Lager. Für diesen Notfall mag Starlink andere Kunden weiter warten lassen und Geräte beispielsweise über Neuseeland nach Tongatapu fliegen lassen. Um COVID19-Infektionen zu vermeiden, muss die Flugzeugbesatzung ihre Luftfracht selbst auf dem Rollfeld entladen und ohne Kontakt zu Tongaern wieder abfliegen. Die Fracht bleibt drei Tage lang auf dem Rollfeld in Quarantäne, bevor lokale Arbeiter sie aufgreifen dürfen.

Für Tonga ist COVID19 eine besondere Bedrohung: Die Bevölkerung weist eine der höchsten Raten an Fettleibigkeit, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen der Welt auf, und das Gesundheitssystem ist selbst in guten Zeiten nicht stark ausgebaut. Während Deutschland acht Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner (2017) hat, sind es in Tonga 2,6 (2010).

Trotz strenger Quarantäneregeln für Hilfslieferungen wurde COVID19 nach dem Vulkanausbruch eingeschleppt. Ein Verdacht fällt auf ein Schiff der australischen Kriegsmarine. Es hatte COVID19-Fälle und Bord und hat gekühlte Container mit Hilfslieferungen nach Tongatapu gebracht. Womöglich haben die Viren in diesen Kühlschränken länger als drei Tage überlebt und die Hafenarbeiter angesteckt, so eine unbewiesene Theorie. Wie auch immer das Virus eingeschleppt wurde, die Regierung musste einen Lockdown verhängen. Der bremst Aufräumarbeiten und Transportverbindungen.