Oxford-Studie: Computergestützte Propaganda untergräbt die Demokratie
Seite 2: Gezielte Desinformationskampagnen
Das wohl "global am meisten fortgeschrittene Beispiel" für computerisierte Propaganda stellt den Verfassern zufolge aber die Ukraine dar. Gegen die Bürger der an Russland grenzenden Republik seien schier unzählige Desinformationskampagnen über VK, Facebook und Twitter geführt worden. Rund herum habe sich schon mit dem Eintritt in die 2000er-Jahre eine eigene Industrie gebildet, die diese Manipulationsversuche vorantreibe. Als Beispiel dafür führen die Forscher eine "Verschwörungstheorie" ins Feld, wonach der Malaysian-Airlines-Flug MH17 von einem ukrainischen Kampfjet abgeschossen worden sei. Diese habe ein nicht-existenter spanischer Fluglotse (@spainbuca) ins Leben gesetzt, der Tweet sei dann mehrfach geteilt und schließlich unter anderem vom russischen Sender RT aufgegriffen worden.
In lupenreineren Demokratien gehe es mit ähnlichen Werkzeugen zur Verbreitung von Falschmeldungen in Form von "Junk News" ebenfalls um die Nutzerbeeinflussung sowie "gezielte Experimente gegen spezielle Bereiche der Öffentlichkeit", konstatieren die Wissenschaftler. Politische Kandidaten und Kampagnemacher oder Lobbyisten mieteten sich dabei in der Regel größere Netzwerke von Konten etwa mit Meinungsrobotern. In den USA habe sich für deren Einsatz die Präsidentschaftswahl im vorigen Herbst als kritischer Punkt herausgestellt. Fast ein Fünftel der Twitter-Meldungen sei damals höchstwahrscheinlich von Bots generiert worden, die vor allem für Donald Trump agiert hätten. Die Urheber könnten kaum ausgemacht werden.
Abwehr kann groĂźe Einschnitte bringen
In Brasilien hat laut dem Team computerisierte Propaganda bei den Präsidentschaftswahlen 2014, der Absetzung der früheren Staatschefin Dilma Rousseff und den Kommunalwahlen 2016 in Rio de Janeiro eine Rolle gespielt. Umfassende Anteile der politischen Twitter-Kommunikation in Polen würden "von einer Handvoll rechter und nationalistischer Kontoinhaber" produziert. Auch in Deutschland gebe es Hinweise auf Programmierer und Firmen, die automatisiert "Fake News" unters Online-Volk brächten. Zumindest während der Bundespräsidentenwahl und der Landtagswahl im Saarland im Februar und März hätten Social Bots zwar nur eine geringfügige Rolle gespielt, in entscheidenden anderen Situation seien hierzulande dagegen bereits in substanzieller Menge Falschinformationen in Umlauf gebracht worden.
Die Bundesregierung haben die Forscher als "führend" im Kampf gegen Falschmeldungen aufgrund des heftig umkämpften Entwurfs für ein Netzwerkdurchsetzungsgesetz ausgemacht. Dazu kämen einschlägige zivilgesellschaftliche Kontrollprojekte. Die Autoren warnen aber, dass vor allem mit dem gesetzlich beschrittenen Weg unverhältnismäßige Einschnitte in die Meinungsfreiheit verbunden sein dürften und anderen Maßnahmen oft die rechtliche Legitimation fehle. Das kanadische Fallbeispiel zeige derweil, dass komplexe Algorithmen und Bots auch konstruktiv als öffentliche Dienstleistung eingesetzt werden könnten, obwohl die allgemeinen Auswirkungen davon noch ungewiss seien. (kbe)