"Missing Link": "Kill it with fire!" – Vielfalt und Rücksicht, aber nicht für Wespen
Seite 2: Wie man ein Tier behandelt
Wer etwas über den Charakter eines Menschen erfahren will, betrachtet am besten, wie er Schwächere behandelt. Tiere geben dabei ein beliebtes Beispiel. Wir denken dann meistens, wie gut wir zu den ganz wenigen auserwählten Tieren sind. Hund. Katze. Ganz vielleicht die Farbmaus der Tochter. Bei den Nutztieren hört die Liebe schon auf. Das heutige Leistungsrind, die Legehenne, das Mastschwein, das sind derart überzüchtete Empfindlichkeitsbrocken, dass ihren nur noch das Leben als genau definiertes Teilchen der hoch automatisierten Landwirtschaftsmaschine bleibt. Sie können gern versuchen, dieser Tage Hochleistungslegehennen einfach im Garten zu halten. Ich gebe ihnen zwei Wochen bis Lungenentzündung. Diese Tiere sind außerhalb klimatisierter Ställe kaum noch lebensfähig und darin führen sie eine Existenz, die kein Mensch "Leben" nennen würde, beträfe ihn das persönlich.
Beim Rest, der weder nutz- noch kuschelbar ist, rotten wir aus, was im Weg der Bequemlichkeit steht. Ich kann das in einigen Fällen sogar nachvollziehen, ich will hier gar nicht auf Seiten der penetranten Peta-Leute stehen, denen jedes Tier kategorisch wichtiger zu sein scheint als der Mensch. Meine eigene Art behandele ich dann doch bevorzugt. Krankheiten ausrotten: gut. Parasiten ausrotten: gut. Aber jetzt: die Wespe? Die Wespe ist ein Nützling, sie frisst zum Beispiel den Parasiten namens Stechmücke. An unserem Balkon in Richtung Wald leben jeden Sommer Wespen. Deshalb schaffen es selbst in feuchten Jahren im ganzen Jahr vielleicht zwei, drei Mücken bis ins Schlafzimmer. Aber eine Wespe kann stechen, also muss sie sterben, nicht nur als Einzeltier, sondern der Nestorganismus muss weg. Wenn ich als häufig gestochener Motorradfahrer für die Gattung Vespula sprechen kann, können andere Bewohner Balkoniens doch zumindest Duldung lernen. Leider nur selten. Traurig.
Aliens among us
Der Wolf kommt langsam zurück in den Osten und wir wollen ihn gleich ein zweites Mal ausrotten. Nur seine optische Ähnlichkeit zum Haushund hilft ihm noch. Spinnen sind ekelig, weil sie "komisch laufen". Sofort töten. Fliegen, igitt, die haben auf Kackhaufen gesessen. Todesstrafe. Maulwürfe verschandeln mir den Rasen. Sie sollen nach drüben gehen oder sterben. Vögel zerfleddern meine Weintrauben. Man reiche mir die Schrotpistole. Die Ameise frisst mir 18 µg Marmelade weg. Ich vergifte ihre Kinder. Aber hey, ich bin Tierfreund, man betrachte nur meine drei fotogenen Katzen.
Das Verdrängungsverhalten des Menschen unterscheidet sich hier nicht großartig von vergleichbaren Säugetierarten. Wir bilden uns aber immer ein, eine höhere Ebene andenken zu können als, sagen wir: die Hyäne. Deshalb ein Plädoyer für die Wespe: Die größte Macht zeigt sich in der Gnade. Wir sprechen gerade großspurig über die "Vielfalt" und reduzieren ebendie mit Giftgas, wo sie über menschliche Variationen hinausgeht. Welche Vielfalt bleibt uns, wenn alles außer dem Menschen und seinen biologischen Bauteilzüchtungen ausgestorben ist?
Die Menschheit fühlt sich häufig allein im Universum. Sie erfindet Götter und Geschichten und horcht in die unvorstellbaren Weiten des Alls hinein, ob es da nicht doch noch Andere gibt. Meine größte Freude war dabei immer, dass wir schon hier auf der Erde nicht alleine sind. Wenn mehr fremdartiges Leben direkt an unseren Balkonen erhalten bleibt, hinterlassen wir den folgenden Generationen einen Schatz, der uns offenbar zu selbstverständlich geworden ist. (mho)