Marathonsitzung des US Supreme Court zu "Zensur"-Gesetzen

Seite 2: Die Gesetze

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Die beiden Gesetze sind recht unterschiedlich und umfassen jeweils eine Sammeltüte an Vorschriften. Floridas Gesetz (bekannt als SB 7072) reguliert deutlich mehr als nur klassische Soziale Netzwerke. Die Definition "social media platform" umfasst alle in Florida verfügbaren "information services, systems, Internet search engines, or access software providers", die mehr als 100 Millionen US-Dollar jährlich umsetzen oder mindestens 100 Millionen monatliche Nutzer weltweit haben. Das betrifft also auch die in der Anhörung erwähnten Unternehmen Uber, Etsy und Amazon Web Services (AWS).

Ihnen wird untersagt, politische Amtsträger, politische Kandidaten sowie Medienunternehmen länger als 14 Tage auszuschließen, selbst wenn sie gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen haben. Das ist eine Reaktion der in Florida regierenden Republikaner auf den Ausschluss Donald Trumps durch Twitter, Spotify, Meta Platforms und andere nach Trumps Umsturzversuch Anfang 2021.

Der Schutz für Medienunternehmen gilt allerdings nicht für Journalisten, sondern nur für große Medienunternehmen – und auch dort nicht für Unternehmen, die Themenparks betreiben. Das ist ein bewusster Tritt gegen Disney, weil dieser Medienkonzern gewagt hat, Floridas Gouverneur zu kritisieren, weil er die Erwähnung von Homosexualität im Schulunterricht hat verbieten lassen.

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Hinzu kommen Einschränkungen, wie die erfassten Online-Anbieter alle User zu behandeln haben. Nutzungsbedingungen müssen einheitlich angewandt werden, Änderungen wären höchstens einmal alle 30 Tage erlaubt. Eingriffe wie das Sperren von Postings, das Beistellen von Hinweisen, die reduzierte Verbreitung von Postings, oder die Sperre von Kommentaren sind nur noch nach expliziten Hinweisen in Einzelfall an den jeweiligen Nutzer zulässig. Zudem erhalten User Anspruch auf Befreiung von jeglichen Algorithmen, Überprüfung von Sperrentscheidungen sowie Einblick in die Zugriffszahlen für jedes einzelne eigene oder fremde Posting.

Ist ein Posting von einem großen Medienunternehmen (außer Themenparkbetreiber), politischen Amtsträger oder Kandidaten, oder behandelt ein Beitrag einen Amtsträger oder Kandidaten, sind reduzierte Verbreitung (shadow banning) sowie Hervorhebung (prioritization) überhaupt unzulässig – es sei denn, jemand bezahlt für die Hervorhebung. Verstoßen Online-Anbieter gegen das Gesetz, drohen ihnen hohe Strafen, Schadenersatzansprüche sowie der Ausschluss von öffentlichen Aufträgen.

Texas' Gesetz (bekannt als HB 20) versucht zwar, sich im Kern nur auf klassische Soziale Netze zu beziehen, geht dann aber deutlich weiter. Als Zensur wird bereits jede Benachteiligung jeder Äußerung eines Nutzers definiert: "'Censor' means to block, ban, remove, deplatform, demonetize, de-boost, restrict, deny equal access or visibility to, or otherwise discriminate against expression."

All das wird untersagt auf Basis des Inhalts oder auf Basis des Aufenthalts in Texas oder einem bestimmten Teil des Staates. Auch User, die sich außerhalb der Plattform in verpönter Weise äußern, dürfen auf der Plattform nicht benachteiligt werden. Soziale Netzwerke müssen also auch Personen hosten, die beispielsweise öffentlich zum Umsturz des demokratischen Systems aufrufen oder Rassendiskriminierung gutheißen. Vertragliche Verzichtserklärung für solchen "Schutz" sind unwirksam.

Ausnahmen gibt es wenige; beispielsweise darf ein Betreiber erst dann zum Schutz von Kindern eingreifen, wenn er von einschlägigen Einrichtungen dazu aufgefordert wurde, aber nicht aus eigenem Erstreben. Selbst die Androhung von Gewalt darf nur in bestimmten Fällen gesperrt werden.

Ähnlich wie in Florida drohen Strafen und Klagen von Nutzern. Im Unterschied zu Florida würde das texanische Gesetz allerdings über die Staatsgrenzen hinaus wirken; denn klageberechtigt sind nicht nur Einwohner und Besucher des konservativen Staates, sondern auch Unternehmen aus anderen Staaten, die in Texas geschäftlich tätig sind. Betreiber Sozialer Netzwerke fürchten zudem, dass sie sich nicht einfach aus Texas zurückziehen können, denn schon das könnte womöglich als illegale Zensur geahndet werden.

Die Verfahren vor dem US Superem Court heiĂźen Moody v Netchoice (Az. 22-277 bezĂĽglich Florida) respektive Netchoice v Paxton (Az. 22-555 bezĂĽglich Texas).

(ds)