Die verlorene Ehre der Katharina Autoindustrie
Andere Länder machen dasselbe expliziter mit Schulderlass oder so, doch der Deutsche bevorzugt wohl das Stille, Implizite. Wenn sich die Presse, die Kirche, die Politik und alle anderen Heißluftgebläse auf das nächste Ziel richten, werden Ingenieure in Wolfsburg den nächsten Golf für die nächsten Abgasvorschriften konstruieren. Dem Rechtsstaat wäre ob seiner Glaubwürdigkeit zu wünschen, dass er vorher ein paar Verhandlungen führt.
Und jetzt zum Fußball
Was würde ich tun, wenn ich als kleiner Software-Schreiber dazu angewiesen würde, eine automatische Prüfstandserkennung nebst Mapping-Umschaltung zu schreiben? Wahrscheinlich: Darauf hinweisen, dass das nicht rechtens sein kann (was getan wurde) und es dann dennoch tun (was getan wurde). Einige Jahre später ermittelt die Staatsanwaltschaft dann gegen mich. Ich finde es moralisch schwierig, so eine im Zwang stehende Person wegen einer Straftat anzuklagen, obwohl viele Schrei(b)er genau das fordern. Aber vielleicht sollte man es tun, die Software-Schreiber mit einer virtuellen Strafe davonkommen lassen, aber über ein paar Ebenen die folgende Frage iterieren: Wer gab die Anweisung? Dann sind wir irgendwo ganz oben. Vielleicht sollte ein Gericht mal einen Topmanager einfahren lassen, damit klar wird: Eure hohen Boni sind Risikokompensation für alle Straftaten, die ihr getan oder verursacht habt, weil auch ihr müsst oder zu müssen glaubt. Und dann vor Gericht (also öffentlich) verhandeln über das Für, das Wider, das Ach, das Weh und wie immer über die Schuld, aber eben auch über die der Befehlsgeber statt nur der -nehmer. Das wäre doch mal was. Ein selbstbewusster Rechtsstaat könnte das mit links. Aber sowas haben wir leider nicht. Der Rechtsstaat ist eben auch deutsch und das heißt, er schämt sich öfter, als das gesund wäre.
Das verschämte, enttäuschte Volk fleddert jetzt Volkswagen als abstraktes Konstrukt, als ob dort keine Menschen arbeiteten. Viele scheinen zu hoffen, dass mit den Wolfsburgern eine ganze Industrie fällt. Warum das denn? Ich bin gern Deutscher, ich lebe gern in Deutschland, und aus beiden Gründen kann ich nicht verstehen, wieso für andere Deutsche das Versagen eines unserer Wohlstandsmotoren so attraktiv ist. Ja-haa, Tesla soll unseren Luschen doch mal zeigen, wie man ein Elektroauto vermarktet! Apple wird BMW schon zeigen, wie viel Alu Autos wirklich brauchen! Und Google wird endlich die Herrschaft des Proletariats ermöglichen, von der Altkommies bis heute träumen. Ich denke, es gibt bereits genug US-Einfluss auf Deutschland, im Guten wie im Schlechten. Ich wünsche mir, dass die deutsche Autoindustrie ihren eigenen Weg in die Zukunft findet, irgendwo im Verkehr mit Google und Toyota und Hyundai und GM. Das wird schwer genug. Deshalb wünsche ich mir, dass wir bei aller berechtigter Kritik auch mal hinter unseren Jungs stehen, wenn sie um die Märkte der Zukunft kämpfen. Kommt schon. Beim Fußball geht's doch auch. (cgl)