Industrie rüstet sich für Gasstopp – Forscher vorsichtig optimistisch
Seite 2: Gefüllte Gasspeicher – aber keine Entwarnung
Die Wirtschaftswissenschaftler haben dafür 1000 Kombinationen aus 26 Faktoren gerechnet, wie Stefan Kooths vom Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) erklärt. Dadurch simuliere man verschiedene Szenarien. Beispiele für die Faktoren auf der Angebotsseite ist die Frage, wie viel Flüssiggas (LNG) über die Niederlande nach Deutschland kommen könne oder auf der Verwendungsseite, wie viel Gas durch andere Energieträger ersetzt werden könne.
In der Mitte der Prognosen sehen die Forscher keine Gaslücke mehr in diesem oder kommenden Jahr. Das liegt vor allem daran, dass sich die Speicher gefüllt haben. Völlige Entwarnung geben sie aber nicht. Bei einem kompletten Lieferstopp im Juli ergebe sich für kommendes Jahr im schlimmsten der 1000 Szenarien eine Gaslücke von 157.600 Gigawattstunden. Nimmt man die Nummer 200 der ungünstigsten Szenarien, sind es aber nur noch 23.800 Gigawattstunden, die fehlen.
Noch im April hatten die Wirtschaftsforscher deutlich stärkere Auswirkungen eines sofortigen Lieferstopps ausgemacht. Den Unterschied zur aktualisierten Prognose machte, dass die Gasspeicher sich nach und nach füllen. Zum Zeitpunkt der Berechnungen waren sie zu 58 Prozent gefüllt. Inzwischen sind es der Plattform AGSI zufolge geschätzte 63,4 Prozent. Dieser Anstieg führt allerdings nicht zu einer starken Verbesserung der Szenarien, wie Kooths erklärt.
Kanada liefert Turbine für Nord Stream 1
Die zuletzt wichtigste Verbindung für russisches Erdgas nach Deutschland, Nord Stream 1, wird am Montagmorgen abgeschaltet. Wie die Betreibergesellschaft Nord Stream AG mitteilte, sollen die Arbeiten bis zum 21. Juli dauern. In dieser Zeit werde kein Gas nach Deutschland befördert.
Das russische Staatsunternehmen Gazprom hatte im Juni bereits die Liefermenge durch die mehr als 1200 Kilometer lange Pipeline von Russland nach Mecklenburg-Vorpommern deutlich gedrosselt – und das auch mit dem Fehlen einer Turbine von Siemens Energy begründet, die wegen der Sanktionen nach abgeschlossener Wartung nicht mehr aus Montréal nach Russland geliefert werden konnte. Derzeit wird die Leitung laut Bundesnetzagentur nur zu etwa 40 Prozent ausgelastet.
Kanada hat inzwischen aber angekündigt, die Lieferung der gewarteten Turbine aus Montréal trotz der Sanktionen gegen Russland zu ermöglichen. Dazu werde Kanada "eine zeitlich begrenzte und widerrufbare Erlaubnis" an Siemens Canada geben, sagte der für Bodenschätze zuständige Minister Jonathan Wilkinson am Samstag. Die Turbine soll aus Kanada erst nach Deutschland und anschließend nach Russland geliefert werden.
Mehrere Staaten aus Europa erhalten kein Gas mehr aus Russland
Mehrere europäische Staaten erhalten bereits kein Gas mehr aus Russland. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine Ende Februar gilt die Versorgung Europas mit Gas aus Russland als gefährdet.
Angesetzt wurde die Dauer der Abschaltung von Nord Stream 1 vom Betreiber auf zehn Tage. Die Rede ist von einer Überprüfung und gegebenenfalls Instandsetzung oder Kalibrierung etwa der Stromversorgung, des Brand- und Gasschutzes sowie bestimmter Ventile. Auch Software-Updates würden vorgenommen. Die Offshore-Pipelines blieben weiter unter Druck. Entsprechende Arbeiten hätten in den vergangenen Jahren zwischen 10 und 14 Tagen gedauert. Sie wichen dabei aber auch teilweise von der angesetzten Frist ab.
Laut Bundesnetzagentur finden die Arbeiten nicht direkt an der Leitung, sondern an den Verdichterstationen statt, etwa in Lubmin. In Modellrechnungen geht die Behörde von bis zu 14 Tagen aus, hat dabei allerdings schon einen zeitlichen Puffer eingerechnet. Die Arbeiten sollten unter normalen Umständen aber im geplanten Zeitraum fertiggestellt werden können. Eine dauerhafte Abschaltung könnte laut Modellen der Behörde unter Umständen zu einem Gasmangel in Deutschland im Winter führen.
(tiw)