China schafft digitales Punktesystem fĂĽr den "besseren" Menschen

Seite 3: Internetaktivitäten im Visier

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So schaut sich die Verwaltung der Nachbarschaft "Morgenröte" auf der anderen Straße des Sozialkreditamtes von Rongcheng schon die Aktivitäten ihrer 12.000 Bewohner auf sozialen Medien genau an. Auf einer Schautafel wird vor kritischen Äußerungen online gewarnt. Wenn jemand "im Internet Gerüchte verbreitet oder andere verleumdet", könne die Familie nicht mehr als "zivilisiert" eingestuft werden.

Dass Äußerungen in sozialen Medien benotet werden, ist Herrn Chen neu. Er ist Unternehmer, hat zwei Kinder und wohnt seit zehn Jahren in dem Viertel. "Ich denke, dass das System die einfachen Menschen nicht zu sehr betrifft", meint der 32-Jährige. "Aber ich habe das Gefühl, dass sich das Benehmen der Leute im letzten halben Jahr verbessert hat." Viele Autofahrer stoppten endlich am Zebrastreifen.

Er ist zurückhaltend, mit einem ausländischen Journalisten über das System zu sprechen, betont aber, er sei nicht beunruhigt. "Ich tue ja nichts Schlechtes." Ob das nicht zu viel Schnüffelei wird? "Haben wir denn überhaupt noch eine Privatsphäre?", fragt er zurück. Auch seine Firma, die Sicherheitssysteme für Gebäude anbietet, ist erfasst. Denn nicht nur Privatleute, sondern auch Unternehmen werden bewertet. Um öffentliche Aufträge zu erhalten, muss er den Punkteauszug vorlegen.

Frau Xia hat gerade im Supermarkt eingekauft, will mit dem Auto nach Hause fahren. Etwas nervös hält sie ihre Einkaufstüte. Sie fühlt sich erkennbar unwohl, befragt zu werden. "Ich finde das System gut", sagt die 38-jährige Angestellte. "Es zügelt die Menschen, sodass sich ihr Benehmen verbessert." Ihren eigenen Punktestand kennt sie nicht. Sie hat aber gehört, dass der Chef ihres Unternehmens viele Punkte hat. "Ich vermute, dass er Großes leistet."

Also, wie lässt sich Gutes tun und der Punktestand verbessern? Dafür ist Frau Ju Junfang, Vizedirektorin des Freiwilligenzentrums, zuständig. "Viele Leute kommen zu uns und leisten Freiwilligenarbeit – hohe Beamte wie einfache Leute." Für 30 Stunden Arbeit gibt es fünf Punkte, für 60 Stunden zehn.

Eine Gesellschaft brauche Regeln, argumentiert eine Dame vor dem Supermarkt. "Sonst gibt es ein Durcheinander." Dass der Punktestand der Eltern irgendwann beeinflussen könnte, auf welche Schule die Kinder gehen dürfen, wie Kritiker warnen, fände sie allerdings nicht richtig. Aber dass Eltern dann eventuell mehr für die Schule bezahlen müssten, wäre "schon gerecht".

Das System habe viel erreicht, findet die Frau. Das Viertel "Morgenröte" habe einen guten Ruf. Ihre Wohnungen stiegen im Wert. "Ich hoffe, dass dieses System gefördert und ausgebaut wird, um jeden zu beobachten." Um ihre Privatsphäre sorgt sie sich nicht. "Ich vertraue der Regierung. Wem könnte ich noch trauen, wenn ich der Regierung nicht mehr trauen kann?"

Soviel Gehorsam ist dem Schriftsteller Murong Xuecun nicht geheuer. "Je mehr Macht die Regierung besitzt, umso gefährlicher ist es für die Rechte der Bürger", warnt der Kommentator, der in den Augen der chinesischen Führung sicher nicht zu den "guten" Untertanen zählt. Sein Blog hatte mehr als eine Million Leser, als ihn die Behörden wegen seiner kritischen Äußerungen sperrten.

Ob jemand mit seinem Hund Gassi gehe oder seine Eltern besuche, dürfe nicht bewertet werden. "Anstand geht die Regierung nichts an", sagt der Autor. Es sei die totale Überwachung. "Wenn du eines Tages etwas schreibst, was der Regierung nicht gefällt, kriegst du Punkteabzug und wirst Probleme haben, ein Flug- oder Zugticket zu kaufen, einen Kredit zu bekommen oder ein Apartment zu mieten." (olb)