"Mit Kernenergie erreichen wir das Ziel schneller."
TR: Welche Energietrends sehen Sie in Asien, insbesondere China?
Nguyen: In Asien wird gerade der Bedarf an Elektrizität schneller wachsen als in Europa und den USA. China investiert noch immer im Wesentlichen in Kohlekraftwerke, um diesen Bedarf zu decken, obwohl es auch signifikante Investitionen sowohl in erneuerbare Energien als auch in die Atomkraft gibt. Übrigens sehe ich auch in anderen asiatischen Staaten ein wachsendes Interesse an Atomkraft – vor allem in Vietnam und Thailand. 2030 werden diese Energieträger, wenn es keinen Politikwechsel gibt, aber immer noch einen relativ kleinen Anteil an der chinesischen Energieversorgung haben.
TR: Und schuld ist der gescheiterte Klimagipfel in Kopenhagen?
Nguyen: Der Punkt ist doch: Länder wie China und Indien haben sehr viele Möglichkeiten, ihren CO2-Ausstoß noch weiter zu senken. Diese Länder könnten sich sehr viel ehrgeizigere Ziele setzen, als sie das bisher getan haben. Die Kosten sind niedrig, man verfügt über große Reserven an gut ausgebildeten Fachkräften, und sowohl onshore als auch offshore wäre beispielsweise genügend Wind vorhanden.
TR: Halten Sie Offshore-Windfarmen denn technisch schon fĂĽr ausgereift?
Nguyen: Vor allem die Kosten mĂĽssten noch weiter sinken. Ich sehe jedoch einen positiven Impuls fĂĽr Offshore-Anlagen besonders aus Europa. In China ist man noch ganz am Anfang; es gibt meines Wissens zurzeit nur ein einziges groĂźes Projekt.
TR: Den 100-Megawatt-Windpark bei Shanghai?
Nguyen: Richtig. Die Entwicklung von Offshore-Anlagen erfordert jedoch auch Investitionen in Übertragungsnetze. Die Energieerzeugung und die Energieübertragung müssen Hand in Hand ausgebaut werden – die Netze sind integraler Bestandteil für eine nachhaltige Energieversorgung der Zukunft.
TR: Sehen Sie weltweit den politischen Willen fĂĽr einen Netzausbau?
Nguyen: Ja, den sehe ich. Es gibt ernsthafte Bemühungen sowohl in OECD- als auch in Nicht-OECD-Staaten, die Infrastruktur zu modernisieren. In den OECD-Staaten hinken die Investitionen in die Netze allerdings den Investitionen in die Energieerzeugung hinterher. Es wird notwendig sein, die Investitionen in die Übertragungsnetze zu beschleunigen. In den übrigen Ländern gilt es vor allem, die Kraftwerke besser mit jenen Ballungsräumen zu verbinden, in denen die meiste Energie gebraucht wird.
TR: Welche Rolle spielt Atomkraft im zukĂĽnftigen Energiemix?
Nguyen: Abgesehen von der Wasserkraft ist die Atomenergie die einzige Art der Stromerzeugung, mit der Grundlaststrom zu vernünftigen Kosten und ohne CO2-Emission erzeugt werden kann. Wenn Länder sich entschließen, den Klimawandel zu bekämpfen, müssen sie die nukleare Option sorgfältig prüfen.
TR: Trotz der damit verbundenen Risiken?
Nguyen: Zunächst mal muss man die Risiken der Bauphase in den Griff bekommen, wenn man die Option Atomenergie zieht: Das Olkiluoto-3-Projekt in Finnland beispielsweise liegt zwei Jahre hinter dem Zeitplan zurück. Das ist sehr kostspielig. Natürlich gibt es abgesehen von der Wettbewerbsfähigkeit auch andere Probleme: die politische Akzeptanz oder das Problem der sicheren Endlagerung. Aber wir müssen nüchtern an die Schlüsselfragen herangehen: Wenn wir von einem wachsenden Energiebedarf ausgehen, wie kann der am besten gedeckt werden? Was kostet das? Was sind die Auswirkungen auf die Umwelt? Die Öffentlichkeit ist sich der Vor- und Nachteile einzelner Energieträger nicht unbedingt bewusst. Politik und Wirtschaft müssen diese Fragen stärker in die öffentliche Diskussion bringen.
TR: Ihrer Meinung nach kann man auf Atomenergie also nicht verzichten?
Nguyen: Es gibt keine einzelne Technologie, mit der allein man gleichzeitig die Energieversorgung sichern und die Klimaziele erreichen kann. Deshalb sollten wir offen sein für eine Mischung verschiedener Optionen. Unsere Analysen zeigen, dass sowohl Atomkraft als auch erneuerbare Energien eine wichtige Rolle bei der kohlenstoffarmen Energieerzeugung spielen. Mit einem höheren Anteil an Kernkraft erreichen wir dieses Ziel schneller. Wie hoch der Anteil an Atomstrom in einem Land ist, hängt aber sicherlich ganz spezifisch von der Politik des jeweiligen Landes ab. Wir sagen nur: Man sollte die Kernenergie nicht von vornherein ausschließen.
TR: Ob mit oder ohne Atomenergie: Ist es angesichts der mageren Ergebnisse von Kopenhagen ĂĽberhaupt realistisch, mit einem 450-ppm-Szenario zu operieren?
Nguyen: Auf den ersten Blick sind die Verpflichtungen von Kopenhagen hinter dem zurückgeblieben, was wir für das 450-ppm-Szenario angenommen haben. Mit den in Kopenhagen gesteckten Zielen wird lediglich ein Kohlenstoffgehalt von 550 ppm angepeilt. Das wirkliche Problem ist in meinen Augen aber nicht die Politik, sondern die Finanzierung. Um das 450-ppm-Ziel zu erreichen, brauchen wir sehr viel mehr Investitionen. Die Frage ist nicht nur: Können wir die notwendigen Technologien schnell genug entwickeln und verbreiten? Die Frage ist auch: Können wir all das auch finanzieren? (bsc)