Klartext: Politik auf Lunge geraucht
Andere Mitglieder werden schlicht keine Lust gehabt haben, sich in einen dummen öffentlichen Streit hineinziehen zu lassen. Ich meine: Wer von uns Laien vertraut schon der Statistik? Wenn ich eine Geschichte höre, wie im Ort ein Einbrecher umgeht, da klingeln dann aber die Kassen bei Abus! Da rufe ich doch nicht bei der Polizei an zur Analyse der Inzidenzhäufigkeit, sondern ich terrorisiere DHL, damit sie mir meine zehntausend neuen Io(s)T-Schlösser schneller herdieseln.
Verdurstender
Der Erfolg gibt Dr. Köhler recht. Verkehrsminister Scheuer stürzte sich auf den Brief wie ein Verdurstender auf einen Gatorade-Transport durch die Sahara. Man müsse die öffentliche Debatte „vom Kopf wieder auf die Füße stellen“, forderte er, vorherigen Fehlstand um 180° implizierend. Wir sollen mehr über die „positive Seite von Mobilität“ sprechen, als ob wir die nicht kennen. Jeder von uns ist froh, dass er zur Oma fahren kann und nicht zehn Stunden durch ein finsteres Mittelgebirge wandern muss, in dem er beim vierten Mal umkommt und die Oma glaubt, es war Rübezahl. Wenn wir über die Errungenschaften des Fortschritts reden, können wir die erst richtig in Bezug setzen, wenn uns der Preis bewusst wird. Dieser Preis war zu Zeiten von Kohle im Ofen und Blei im Benzin offensichtlicher. Das heißt noch lange nicht, dass er heute bei null liegt.
Politik aus dem Würfelbecher
Meine eigene Ansicht vor allem zum Thema Stickoxid ist gut belegt: Ich halte die Werte für sehr niedrig und den Tanz darum daher für übertrieben. Was wir aus wackeliger Epidemiologie wissen, ist zum Beispiel, dass der aktuelle Vermutungsstand Feinstaub als etwa zehnmal gefährlicher einstuft als Stickoxide (beides in niedrigen Konzentrationen um die Grenzwerte herum). Eigentlich sollte die DUH also in den Bonzenvierteln voller Holzöfen mit ihren Mundschutztüchern herumstehen, um auf den „Reichenfeinstaub“ (O-Ton Jörg Kachelmann) hinzuweisen.
Aktuell drehen sich die Volksgefühle aber um Stickoxide, also wird hier eine Arbeit hineingesteckt, die meiner Ansicht nach in keiner sinnvollen Relation zur Relevanz steht. Bin ich also für eine Änderung der Grenzwerte oder gar ein „Moratorium“, wie sie Köhler fordert? Nein. Ich bin dafür, in diese Richtung zu forschen, wenn alle vermuten, dass Stickoxide sehr schlimm sind, trotz gegenteiliger persönlicher Ansicht. Da bin ich Demokrat, genau wie beim Tempolimit. Warum? Weil wir sonst Politik gleich würfeln können.
Stabilität ist gefragt
Eine Berliner Lokalpolitikerin, deren Namen ich leider vergaß, sagte zu den Grenzwerten etwas Wichtiges, zu wenig Beachtetes: Man sollte auch zu suboptimalen Beschlüssen stehen, aus dem ganz einfachen Grund, dass Politik sonst keine Planungssicherheit schafft. Wenn es heute hü geht und morgen hott, wie soll dann jemand ein Auto bauen, eine Stadt verwalten, den Wohnort zur Gründung einer Familiendynastie auswählen? Stabilität ist die Grundlage freiheitlichen Wirtschaftens. Da sind viel zu niedrige Grenzwerte kein besonders schlimmes Hindernis. Im Gegenteil haben uns stetig mit gigantischen Sicherheitsreserven geschätzte Grenzwerte über die letzten Jahrzehnte zu massiv verbesserter Luft vor allem in den Städten geführt. Ziele geben uns eine Richtung. Sie dürfen daher unerreichbar sein. Die „Vision Zero“ will null Verkehrstote, ein absurdes Ziel, das schon gerissen wird, wenn der Erste blöd vom Fahrrad fällt. Lohnt es sich nicht trotzdem, dieses Ziel anzupeilen? (cgl)