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Klartext: Im Kopf des Kampfradlers

Clemens Gleich
Klartext

FĂŒr manchen Radfahrer scheint es das Höchste, wenn er endlich eine riskante Situation provoziert hat, ĂŒber die er sich echauffieren kann. Dieser Satz wird wahrscheinlich provozieren. Ich halte ihn aber fĂŒr wahr

FĂŒr manchen Radfahrer scheint es das Höchste, wenn er endlich eine riskante Situation provoziert hat, ĂŒber die er sich echauffieren kann. Ja, mir ist vollkommen bewusst, wie quer manchem Leser dieser Satz im Hals stecken wird, ich habe sogar eine Probefahrt mit ebendieser Buchstabenfolge auf Facebook [1] unternommen zur Messung des Querwinkels. Er beschreibt jedoch eine Wahrheit, die es nicht nur unter Radfahrern gibt, sondern auch unter Motorradfahrern. Was treibt diese Leute zu ihren extremen AuswĂŒchsen des passiv Aggressivseins an?

Der Anlass zu diesem Text war meine Probefahrt im neuen E-Golf [2]. Ich ĂŒberholte einen Rennrad-Fahrer. Um ihm bestes Verhalten zu zeigen, ließ ich ĂŒber drei Meter Abstand beim Überholen, beschleunigte nur langsam, und aufgrund des Elektroantriebs blies ihm der VW auch keine Abgase in seine AnsaugkanĂ€le. Am nĂ€chsten Kreisverkehr dann staute sich der Autoverkehr, sodass der Radfahrer wieder aufschloss. Ich fuhr in den Kreisverkehr, blinkte rechts, schaute ĂŒber die Schulter und blickte auf sich unter Elasthan und Polyamid deutlich abzeichnende Geschlechtsteile, denn der Radler wollte mich gerade rechts ĂŒberholen, mit einem Abstand von etwa 30 Zentimetern. Ich bremste, aber er hatte auch schon gebremst, wahrscheinlich in Reaktion auf den Blinker. Überhaupt war alles zu spĂ€t: Er gestikulierte mir seinen fĂŒrchterlichen Ärger.

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Das war eng, ja. Es war eng, weil er von hinten bis auf fast Kontakt heranfuhr und dann im Kreisverkehr rechts ohne nennenwerten Abstand ĂŒberholen wollte, obwohl in einem Kreisverkehr die Wahrscheinlichkeit, dass andere Verkehrsteilnehmer nach rechts abbiegen, bei etwa 100 Prozent liegt. Schon 20 cm mehr Abstand hĂ€tten seinen Schreck am Blinker vermieden. Ein einfaches Hinterherfahren oder links ĂŒberholen hĂ€tte ihm eine zehntausendmal sicherere Route durch den Kreisverkehr erlaubt, die selbst im konservativen Fall nur zwei Meter gekostet hĂ€tte (vielleicht fuhr er ja auf Zeit). Er hatte eine haarige Situation provoziert. Ich hatte eine BerĂŒhrung verhindert. Vielleicht hatte ihn auch gerade das so aufgeregt. Das Schlimmste fand ich an der Situation jedoch, dass dieser Mensch ganz sicher am Abend allen seinen Radfahrerfreunden erzĂ€hlt, wie ihn heute wieder ein Autofahrer umbringen wollte.

Er erinnerte mich an einen Bekannten, der dasselbe Verhalten auf dem Motorrad [5] zeigt. Er fĂ€hrt gern sehr dicht auf Autofahrer auf. Wenn sie dann mit zu geringer Blinkzeit vorher abbiegen oder sonstwie sĂŒndigen, hupt er, wedelt mit der Faust, schimpft und das Höchste fĂŒr ihn war immer, wenn er sich vor sie setzen konnte, um ihnen eine Standpauke zu halten ĂŒber ihr asoziales Verhalten. Meistens hielt er diese Standpauke dann unsicheren Fahrern, denn ein Handelsvertreter macht durch bestĂ€ndige Übung einfach wenige Fahrfehler pro Streckeneinheit. Wenn wir spĂ€ter von den Maschinen stiegen, erzĂ€hlte er uns seine Sicht der Dinge: „Habt ihr gesehen? Fast hĂ€tte sie mich umgebracht!“ Wir hatten es gesehen. Er hĂ€tte sich fast selbst, naja, wahrscheinlich nicht umgebracht, aber vielleicht wehgetan. Und die arme Frau hatte einen kleinen Fehler gemacht, der ihm nicht einmal aufgefallen wĂ€re, wenn er nicht mit unter einem halben Meter Abstand hinter ihr wĂŒtende Schlangenlinien gefahren wĂ€re wie eine fallobstberauschte Hornisse.

Den Satz vorher in den Facebook-Piranhatopf werfen hat sich als ergiebig herausgestellt. Es erinnerte mich an die alten KlassenausflĂŒge im Usenet von de.rec.motorrad nach de.rec.fahrrad, wenn wir ĂŒber Radwege oder Katzen trollten. Denn auf so einen Satz melden sich sofort Radfahrer, die (mit Variationen im Ausdruck) in etwa diesen Satz sagten: „Das kann ja nur ein Autofahrer schreiben. Wer je mit dem Fahrrad in einer Großstadt mal gependelt ist, weiß genau, dass Autofahrer einem stĂ€ndig die Vorfahrt nehmen. Du bist als Radfahrer fĂŒr die das Letzte.“

Diese Aussage ist fĂŒr mich daher so interessant, weil ich tatsĂ€chlich jahrelang in einer deutschen Großstadt tĂ€glich mit dem Fahrrad gependelt bin und nichts davon bestĂ€tigen kann. Im Gegenteil. Das Fahrrad funktionierte so gut, dass mein Auto im monatelangen Nichtgebrauch verrottete. Schon damals fragten mich andere Radfahrer jedoch gern: „Ah, auch Radfahrer. Schlimm hier, oder?“ „Was? Nein! Super hier!“ „Ach komm, hör auf, die Autofahrer behandeln einen wie Abfall, nur weil man nicht auf dem Fahrradweg fĂ€hrt 
“ „Warum sollte ich nicht auf dem Fahrradweg fahren? Ich finde die Fahrradwege hier super. Da fahren zum Beispiel keine Autos drauf.“ Und so weiter. Er sah Autofahrer als RadlerjĂ€ger. Ich war eher dem einen oder anderen aufmerksamen PKW-Piloten dankbar, dass er mein Fahrrad ohne Licht im toten Winkel so gut erspĂ€ht hatte. Wir kamen auf keinen gemeinsamen Nenner. Ebenso finden sich unter den Kommentatoren zum Kampfradeln Fahrradfahrer, die im eigenen Pendelbetrieb nie die Probleme des Kampffahrers vorfinden.

Die wahrscheinlichste ErklĂ€rung fĂŒr das PhĂ€nomen lautet also wahrscheinlich wie hĂ€ufig im Leben: Wie du den Straßenverkehr erlebst, liegt hauptsĂ€chlich an deinem eigenen Verhalten. Wer mit der Sicherheit durch die Stadt radelt, dass ihn eh alle töten wollen, der fĂ€hrt offenbar (bewusst oder unbewusst) so, dass sich diese These hĂ€ufiger bestĂ€tigt. Wer entspannt durch die Stadt radelt, weil ja grundsĂ€tzlich fast alle fast immer jeden Unfall vermeiden wollen, der wird deutlich stressfreier auf der Arbeit ankommen.

Das Prinzip des vorangehenden Absatzes gilt natĂŒrlich prinzipiell auch fĂŒr Autofahrer. Der Unterschied ist nur: Wenn ein Autofahrer auf aggro fĂ€hrt und es passiert etwas, dann beschrĂ€nkt sich dieses Etwas vor allem in der Stadt meistens auf einen Hauptschaden am Auto. Wer auf einem EinspurgefĂ€hrt sitzt, verletzt sich dagegen hauptsĂ€chlich selber. Umso erstaunlicher, dass es eine relevante Anzahl von Menschen gibt, denen ihre Versehrtheit weniger wichtig scheint als im Beweis ihres Weltbilds die Schmerzen des MĂ€rtyrers zu erleiden.

Gerne hĂ€tte ich jetzt zum Schluss geschrieben: „Fahrt einmal im Pendelbetrieb der anderen Partei!“ Aber das bringt ja nichts. Viele Autofahrer fahren auch Fahrrad. Die meisten Radfahrer fahren auch Auto. Es Ă€ndert gar nichts an ihrer Wahrnehmung. Zumindest kann man den einen alten Tipp geben, der alle nervt, weil er meistens stimmt: Mach disch logger! Wenn gerade alle anderen Verkehrsteilnehmer deinen Tod zu wollen scheinen, dann bist du entweder ein Geheimagent in der Falle der grĂ¶ĂŸten Verschwörung seit Bestehen der BRD (unwahrscheinlich) oder ein Kampf(k)radler, der gerade allen auf die Nerven geht und dabei hauptsĂ€chlich sich selbst gefĂ€hrdet. (cgl [6])


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[5] https://www.heise.de/autos/thema/Motorrad.html
[6] mailto:cgl@ct.de