"Ich glaube, Europa kann wesentlich mehr"

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Sebastian Thrun: Ich habe natürlich als einer der Advokaten der statistischen Lernverfahren auch Kritik einstecken müssen. Was mich aber teilweise auch ein wenig gewundert hat. Denn ich glaube nicht, dass die Meinungsverschiedenheiten so groß sind, wie sie jetzt dargestellt werden.

Es ist sicherlich ein unumstrittener Fakt, dass maschinelle Lernverfahren die künstliche Intelligenz und die Gesellschaft in den vergangenen zehn Jahren gewaltig verändert haben. Wenn man schaut, was sind die echten Erfolge der letzten zehn Jahre: Google, die Entzifferung der DNA, der Einfluss auf die Biologie, Spracherkennung und Übersetzung – das sind alles Gebiete, auf denen Lernverfahren einen riesigen Einfluss hatten.

Man darf jetzt nicht daraus schließen, dass statistische Lernverfahren das A und O der künstlichen Intelligenz sind. Das wäre ein Fehler. Ich glaube, viele Leute in unserem Feld sehen das zu religiös und wollen immer ein einziges Verfahren finden – so eine Art Stein der Weisen, eine Lösung für alle Probleme. Die Wahrheit ist, dass die Lernverfahren in den letzten Jahren gut ausgebaut worden sind, aber es noch andere Dinge gibt.

TR: Zum Beispiel?

Sebastian Thrun: Zum Beispiel die Verwaltung von Common Sense Knowledge, also Allgemeinwissen – was ja auch Herr Minsky angesprochen hat. Und die Möglichkeit strukturelle Erkenntnisse zu gewinnen und einzubauen.

TR: An dieser Aufgabe ist die KI aber bislang gescheitert, oder?

Sebastian Thrun: Das ist wahr. Ich glaube, das es ursprünglich gute Gedanken gab, was die Repräsentation betrifft, aber die Formalismen einfach zu starr waren, weil sie das Lernen überhaupt nicht mit einbezogen haben. Ich glaube, wenn man es schaffen würde, die ursprünglichen Paradigmen der Wissensrepräsentation mit statistischen Verfahren zu verheiraten, würde man einen Riesenschritt nach vorne kommen.

TR: Sie sind geradezu prädestiniert, die deutschen und amerikanischen Arbeitsbedingungen zu vergleichen. Sie haben in Deutschland studiert und arbeiten jetzt in den USA. Tut es Ihnen manchmal leid, weggegangen zu sein?

Sebastian Thrun: Also, ich bin im Grunde ein Optmist. Ich freue mich immer über die Dinge, wie sie gerade sind. Und ich fühle mich sehr bereichert, durch die Möglichkeit in Amerika zu sein. Es gibt natürlich Dinge, die in Deutschland besser sind, aber auch Dinge, die in Amerika besser sind.

Was die KI-Forschung betrifft, so fahren die Amerikaner eher einen pragmatischen Ansatz – einfach Systeme zu bauen, ohne den Anspruch, den menschlichen Geist erklären zu wollen. Ich glaube, dass in Deutschland noch viel mehr der Wunsch hinter der Forschung steckt, das Problem der KI wirklich fundamental zu lösen. Aber wenn man das ein bisschen aufgibt, was sicherlich in meinem Labor der Fall ist, kommt man zu Gelegenheiten, zu Opportunities. Google hat sicherlich nicht den Anspruch, das menschliche Gehirn zu erklären, die wollten einfach ein gutes System bauen – und sie waren damit sehr erfolgreich. Wenn es uns aber gleingen sollte, diese fundamentalen Probleme irgendwann mal zu lösen – im Moment sieht es so aus, als würde das sicherlich noch hundert Jahre dauern – dann kann es durchaus sein, dass der große Beitrag dafür aus Deutschland kommt.

TR: Unsere US-Kollegen hatten berichtet, sie hätten – allerdings vergeblich – versucht, auch am europäischen Roboterwettbewerb ELROB 2006 teilzunehmen?

Sebastian Thrun: Ich hatte mich bereits vor dem Grand Challenge beworben. Ich hatte am Grand Challenge gearbeitet und dachte, es wäre eine schöne Sache, auch nach Europa zu kommen, um die Kommunikation zwischen USA und Europa zu stärken. Ich bin abgewiesen worden mit der Begründung, dass ich keine europäische Institution vertrete. Obwohl ich nach den strikten Regeln hätte zugelassen werden müssen.

Der ELROB 2006 hat nun aber gezeigt, dass die Europäer weit zurück zu liegen scheinen. Ist das richtig?

Sebastian Thrun: Ich würde den ELROB nicht als Maßstab dafür nehmen, was Europa kann. Ich glaube Europa kann wesentlich mehr. Man könnte das mit dem ersten Grand Challenge in Amerika vergleichen. Der sah ja auch ziemlich übel aus und hat sehr schlechte Presse bekommen, weil die Fahrzeuge nicht weit gefahren sind. Der ELROB war längst nicht so gut organisiert wie der Grand Challenge. Ich kann mir gut vorstellen, wenn man das gut organisiert und noch mal macht, dass dann da wesentlich bessere Systeme auftauchen. (wst)