"Die Kernenergie wird nicht viel zum Klimaschutz beitragen können"
Seite 2: "Die Kernenergie wird nicht viel zum Klimaschutz beitragen können"
Sailer: Das ist grundsätzlich ein weltweites Problem. Es ist weltweit üblich, Kernkraftwerke gegen Erdbeben auszulegen. Die einfachste - aber nicht ausreichende - Maßnahme ist, dass man ein Erdbebenmessgerät installiert, und wenn bestimmte Beschleunigungsgrenzwerte überschritten werden, wird das Kraftwerk einfach abgeschaltet. Das ist auch der Grund, warum sich vier der sieben Reaktoren in dem japanischen Kraftwerk abgeschaltet haben. Solche Geräte sind auch in deutschen Kernkraftwerken installiert. Die wesentliche Debatte ist aber: Was ist das schlimmste Erdbeben, das man an dem Standort erwarten muss? Denn gegen dieses muss ich alle relevanten Teile auslegen. In Japan muss man sich fragen: Waren die Anlagen für ein schwächeres Erdbeben ausgelegt als jetzt passiert ist?
TR: Es wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass wichtiges Kernenergie-Knowhow in Deutschland verloren gegangen ist. Ist dies auch dem langsamen Ausstieg zuzuschreiben, der ja letztlich mit einem Meinungswandel in Politik und Ă–ffentlichkeit schon vor vielen Jahren begonnen hat?
Sailer: Ich denke, dass das geringere gesellschaftliche Ansehen der Kernenergie auch einen Effekt gehabt hat. Ein Berufsweg in der Kernenergie-Branche wird heute seltener gewählt. Das ist übrigens auch in Ländern wie Japan oder Frankreich so, in denen die politische Beschlusslage zur Kernenergie eine andere ist. Man kann heute niemanden mehr für einen Job in diesem Wirtschaftszweig gewinnen, indem man ihm sagt, er sei dann an der vordersten Front der technischen Entwicklung. Das war vor 30 Jahren so, aber das glaubt niemand mehr. Man muss trotzdem versuchen, möglichst qualifizierte Leute, auch Quereinsteiger aus verwandten Ausbildungen, für die Arbeit bei den Betreibern, Behörden und Gutachtern zu bekommen.
TR: Zuletzt hat die Diskussion ĂĽber die Nutzung der Kernenergie eine neue Wendung genommen: Die Stromversorger argumentieren, sie sei fĂĽr eine umfassende Klimaschutzstrategie unvermeidlich.
Sailer: Aus meiner Sicht wird die Kernenergie nicht viel zum Klimaschutz beitragen können. An der Primärenergie, die ja nur einen Teil des Klimawandelproblems darstellt, hat die Kernenergie einen weltweiten Anteil von gerade mal rund 6 Prozent. Das ist nicht viel. Soll sie einen nennenswerten Anteil haben, müsste man den deutlich erhöhen – also die Anzahl der Kernkraftwerke weltweit von derzeit zirka 440 auf 1000 oder 2000 erhöhen. Das geht weder technisch noch finanziell. Das Risiko steigt außerdem, wenn neue Kernkraftwerke in politischen Risikogebieten gebaut werden.
TR: In einigen EU-Ländern ist der Anteil aber deutlich höher...
Sailer: Für die Klimafrage ist aber eine weltweite Betrachtung entscheidend. Ein Problem ist, dass sie beispielsweise eine Verdopplung nicht schnell genug hinbekommen würden. Mit Planungs- und Bauzeiten müssen Sie ab der Entscheidung für ein Kernkraftwerk mindestens 15 Jahre einrechnen, bis die neue Anlage steht. Das können Sie mit anderen Technologien schneller hinbekommen.
Meines Erachtens brauchen wir eine intelligente Kombination aus drei Elementen: Erstens müssen wir die erneuerbaren Energien massiv nach vorne bringen – das ist inzwischen ein boomender, innovativer Wirtschaftszweig - nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern. Zweitens kann man die Einsparpotenziale noch viel weiter ausreizen, ohne Komfort und Arbeitsmöglichkeiten einzubüßen. Und drittens sollte man in der Übergangszeit bis 2050, bis erneuerbare Energien vollständig zur Verfügung stehen, auch fossile Energien in Anlagen mit hohen Wirkungsgraden einsetzen, allerdings mit abnehmender Tendenz.
Und wir reden hier ja nur über Primärenergie; den anderen klimawirksamen Effekten, z.B. Methanfreisetzung aus der Nahrungsmittelproduktion, kann ohnehin nur durch andere Maßnahmen begegnet werden.
TR: Welche Rolle spielt die Tatsache, dass auch die Uranreserven begrenzt sind?
Sailer: Bei gleichbleibender Anzahl von Kernkraftwerken reicht das Uran sicher noch einige Jahrzehnte. Wenn man 1000 bis 2000 Kernkraftwerke betreiben würden, bekämen wir ein ernstes Verknappungsproblem. Wenn Kernkraftbefürworter sagen, es gibt genug Uran, beziehen sie das immer auf den jetzigen Anlagenpark.
TR: Von den AKW der vierten Generation, den so genannten Hochtemperatur- oder Kugelhaufenreaktoren, wird gesagt, sie seien inhärent sicher. Gibt es diese inhärente Sicherheit?
Sailer: Es gibt keine absolute inhärente Sicherheit. Auf dem Papier können Sie einen inhärent sicheren Reaktor zeichnen, aber wenn Sie einen praktikablen Reaktor bauen wollen, gibt es immer Szenarien, in denen das nicht der Fall ist. Beim HTR ist das zum Beispiel ein Wassereinbruch aus der Sekundärseite. Wenn der HTR klein genug ist, sind die inhärenten Eigenschaften wesentlich besser als bei unseren jetzigen Anlagen. Deswegen ist der Traum der HTR-Befürworter, viele solche kleinen Module nebeneinander zu bauen. Dann bekommen sie aber ein wirtschaftliches Problem: Kleine Module sind pro Megawatt installierte Leistung teurer als große.
Das ist eigentlich keine Option, weil es keine fertig entwickelten Module gibt. Prinzipiell gearbeitet wird daran nur in China und Südafrika. In China, wo ich mir unlängst so eine Anlage angeschaut habe, konnte ich nichts entdecken, was auf eine bevorstehende Serienfertigung schließen lässt. In Südafrika ist die Technik nach wie vor umstritten und noch nicht realisiert. Und dann stellt sich noch die Frage: Realisierung auf welchem Sicherheitsniveau? Wenn die Module so viel kosten, ist die Versuchung da, irgendwo, z.B. an der Sicherheit, zu sparen.
Zu technischen Zukunftskonzepten fĂĽr die Kernenergie und der so genannten "Renaissance der Kernkraft" siehe auch Technology Review 12/2003: "Atomkraft - ja bitte?" (nbo)