Warum Schönheitsfilter ein Massenexperiment an Mädchen und jungen Frauen sind

Seite 2: Eine Art von Falschheit

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Schließlich begann sie, selbst Filter zu erstellen. Sie knüpfte Kontakte zu Künstlern wie Marc Wakefield, der sich auf düstere, fantastische Effekte spezialisiert hat. (Einer seiner Hits ist "Hole in the Head", bei dem ein Loch das Gesicht durchdringt.) Die Community war "so nah und so hilfreich – wunderschön", sagt sie. Als sie mit der Erstellung eigener AR-Effekte begann, hatte sie keinerlei technische Kenntnisse und verbrachte Stunden damit, Anleitungen zu studieren und sich von anderen helfen zu lassen. Ihr erster Filter, der sich viral verbreitete, hieß "Alive". Er überlagert ein Gesicht mit einer Herzschlagkurve, die sich als herzförmige Linie um die Augen legt. Rocha sagt, Alive sei eine Hommage an ihre eigene Geschichte mit psychischen Erkrankungen.

Aber mittlerweile hat Rocha ihre Ansicht über Filter geändert. Künstlerische oder lustige Filter werden längst von Schönheitsfiltern in den Schatten gestellt. Rocha sieht viele Frauen auf sozialen Medien nonstop Filter benutzen. "Sie weigern sich, ohne Filter gesehen zu werden, weil sie in ihrem Inneren glauben, so auszusehen", sagt sie. "Das kam mir ein bisschen krank vor."

Dieser Filter von Caroline Rocha alias @frenchsinger heißt „Alive“ und überlagert ein Gesicht mit einer Herzschlagkurve, die sich als herzförmige Linie um die Augen legt.

(Bild: @frenchsinger)

Sie selbst habe immer "gegen diese Art von Falschheit angekämpft", so Rocha. "Ich sagte mir: ,Okay, ich muss meine Nase dünner machen und mir größere Lippen verpassen, weil ich mich hässlich fühle.‘ Und dann dachte ich mir: ,Boah, nein, so bin ich nicht. Ich will mich schön fühlen, ohne diese Dinge zu verändern.‘"

Sie war zunehmend enttäuscht von der schönheitsbesessenen Filterkultur. "Sie hat sich verändert, weil, meiner Meinung nach, die neue Generation der Schöpfer nur Geld und Ruhm und Follower will. Es herrscht eine schlechte Stimmung in der Community und ich finde das traurig, denn wir machen Kunst und es geht um unsere Gefühle." Veronica, der Teenager, sieht die gleichen Muster: "Wenn jemand sich komplett durch Filter darstellt und nur noch gefilterte Fotos postet, die alle Schönheitsstandards erfüllen und damit Follower und Geld bekommt – ich weiß nicht, ob das genial oder schrecklich ist."

Claire Pescott erforscht an der University of South Wales das Verhalten von Kindern in den sozialen Medien. In Fokusgruppen hat sie einen Geschlechterunterschied beobachtet, wenn es um Filter geht: "Alle Jungs sagten: ,Die sind wirklich lustig. Ich mag es, diese lustigen Ohren aufzusetzen, sie mit meinen Freunden zu teilen und Spaß zu haben." Junge Mädchen hingegen sehen AR-Filter vor allem als Werkzeug zur Verschönerung: "Sie sagten alle Dinge wie: ,Ich nehme diesen Filter, weil er meine Narben und Flecken wegmacht.‘ Und das waren Kinder im Alter von 10 bis 11 Jahren."

"Es geht nicht nur darum, dein aktuelles Bild zu filtern", glaubt Pescott. "Es geht darum, dein ganzes Leben zu filtern."

Und dieser Wandel hat gerade erst begonnen. Die AR-Filter sind nur ein Teil einer schnell wachsenden Suite automatisierter digitaler Schönheitstechnologien. Die App "Facetune" zur einfachen Video- und Fotobearbeitung etwa wurde bereits über 60 Millionen Mal heruntergeladen. Ein neues Phänomen sind voreingestellte Filter für Adobe Lightroom, die vor allem von etablierten Influencern verkauft werden. Sogar Zoom kann für Videogespräche die Haut glätten. Viele haben diese Funktion als Retter während der Pandemie angepriesen.

Filtergalerie von Caroline Rocha alias @frenchsinger.

(Bild: @frenchsinger)

Während unseres Gesprächs bat ich Veronica zu definieren, wie ein "Instagram-Gesicht" aussieht. Sie antwortete schnell und selbstsicher: "Kleine Nase, große Augen, reine Haut, große Lippen." Diese Ästhetik geht weiter über Retuschen wie bei Zoom hinaus – sie ändert Form und Größe bestimmter Gesichtszüge.

Sophia und Veronica bevorzugen solche Verzerrungsfilter. Einer von Sophias Favoriten lässt sie wie die Sängerin und Influencerin Madison Beer aussehen. "Sie hat diese riesigen Wimpern, die meine Augen wunderschön aussehen lassen. Meine Lippen sind dreimal so groß und meine Nase ist winzig", sagt sie. Aber ihr ist auch klar: "Niemand sieht so aus – es sei denn du bist Madison Beer oder jemand, der eine wirklich, wirklich gute Nasen-OP hatte." Veronicas Lieblingsfilter ist hingegen ein Verzerrungsfilter namens "Naomi Beauty" auf Snapchat. Alle ihre Freunde benutzen ihn, sagt sie: "Er reinigt deine Haut und macht deine Augen riesig."

Es gibt Tausende solcher Verzerrungsfilter auf den großen sozialen Plattformen. Sie haben Namen wie "La Belle", "Natural Beauty“, "Boss Babe" oder "Big Mouth". Die wenigen Vorschriften und Einschränkungen für die Nutzung von Filtern werden von den Unternehmen selbst überwacht. Instagram hat diese sogenannten Deformationseffekte ursprünglich von Oktober 2019 bis August 2020 offiziell verboten, weil es Bedenken hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die psychische Gesundheit gab. Die Richtlinie wurde inzwischen allerdings aktualisiert. Nun werden nur noch Filter verboten, die, so der Konzern, "plastische Chirurgie fördern". Die Richtlinie besagt, dass "Inhalte gemäß den Facebook-Gemeinschaftsstandards nicht für die Verwendung eines potenziell gefährlichen kosmetischen Verfahrens werben oder die Auswirkungen eines solchen Verfahrens darstellen dürfen." Dies schließe Effekte ein, die solche Verfahren simulieren, in dem sie Markierungslinien von Schönheits-OPs darstellen. Im April 2021 hatte Facebook dazu gegenüber MIT Technology Review erklärt, man setze die Richtlinie durch eine Kombination aus automatisierten Systemen und menschlichen Bearbeitern durch. Sie sollen Effekte überprüfen, sobald sie zur Veröffentlichung eingereicht werden. Allerdings wissen viele Filter-Entwickler selbst nicht, was denn ein Filter sein soll, der "Schönheitsoperationen fördert" – und Meta agiert offenbar uneinheitlich. Das Unternehmen sagt, es berate sich regelmäßig mit Expertengruppen wie der National Eating Disorders Association und der JED Foundation, einer gemeinnützigen Organisation für psychische Gesundheit.

Facebook und Snapchat markieren gefilterte Fotos zudem. Aber dies lässt sich leicht umgehen, indem man die Bearbeitungen einfach außerhalb der Apps vornimmt oder ein gefiltertes Foto herunterlädt und erneut hochlädt. Pescott glaubt nicht, dass solche Markierungen den ungesunden Schönheitskult bremsen können. Stattdessen sollten Kinder ihrer Meinung nach vielfältigeren und authentischeren Bildern ausgesetzt werden.